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Ein Gedicht zum Abendessen

Ein Brettchen mit Pflaumen und Besteck.

Texte zum Leben erwecken

Ein Gedicht zum Abendessen

Von Jana Wagner

Kann ein Gedicht schmecken? Ja! Die Berlinerinnen Carolin Schmidt und  Margaret Schlenkrich wollen ein Gedicht auf Speisekarten in Berliner Restaurants setzen – Lyrik zum Genießen.

Ein Gedicht zum Abendessen

COSMO | 24.12.2018 | 03:18 Min.

Das Gedicht von William Carlos Williams "This is just to say" – oder "Nur damit du Bescheid weißt" –  war der Anfang der Idee von "A poem for a dinner" – einer literarischen Küchen-Tour. Sie startet im vegan-vegetarischen Restaurant "Wildeküche" in Berlin Kreuzberg. Eine der Inhaberinnen, Nelja Stump, hat sich auf die Idee eingelassen, denn Poesie und Essen haben viel gemeinsam, sagt sie. Für sie liegt die Poesie in den einzelnen Bestandteilen – mehrere Buchstaben zusammen ergeben eben ein Wort und das ist beim Kochen genauso: jede Zutat ergibt zum Schluss das komplette Gericht. Aber: Ein Gedicht zu kochen, ist auch für sie neu – und erfordert Kreativität. "Am allerbesten ist es, das Gedicht ganz oft zu lesen und wirken zu lassen. Einfach zu gucken welche Inspiration einem dann kommt", sagt Nelja.

Lyrik in den Alltag bringen

Wir verlassen die Küche und gucken in eine Berliner Altbauwohnung, dahin nämlich, wo sich das Kollektiv "kaboom" trifft, das hinter dem Projekt steht. Carolin Schmidt und Margaret Schlenkrich wollen so mehr Lyrik in den Alltag bringen.

Zwei Frauen stehen auf der Straße und schauen in der Kamera.

In der Wohnung stapeln sich Bücher bis zur Decke, es riecht nach Kaffee. Carolin Schmidt ist schon immer von Texten fasziniert. Die Literaturwissenschaftlerin will aber auch andere damit anstecken – zum Beispiel mit dem Gedicht "Nur damit du Bescheid weißt", das erst einmal eine ganz einfache Handlung beschreibt, wie der heimliche Raub einer tiefgefrorenen Pflaume und das anschließende Geständnis: "Das ist eine kleine Alltagsnotiz, die irgendwie ganz unscheinbar daherkommt, aber trotzdem sehr charmant ist und lustig. Und genau das ist auch das Spannende an Essen. Das kann auch überraschend sein oder einen erregen in irgendeiner Form", sagt Carolin Schmidt.

Vier Restaurants bringen Lyrik auf den Tisch

Für ihr Projekt mussten die beiden zunächst einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Mit Erfolg: Vier Restaurants sind mittlerweile dabei. Neben dem vegan-vegetarischen Restaurant "Wildeküche" auch der "Kreuzberger Himmel" – ein syrisches Restaurant, in dem auch Geflüchtete arbeiten. Jeweils einen Monat steht das Gedicht und die jeweils eigene Interpretation auf der Karte. Die meisten Leute haben keinen Zugang zu Lyrik, aber jeder muss essen, jeden Tag. Und das ist einfach eine Möglichkeit um mit Leuten ins Gespräch zu kommen – findet Carolin Schmidt.

In Zukunft will das Kollektiv Gedichte nicht nur in Restaurants, sondern auch in Form von Rauminstallationen in einer Ausstellung lebendig werden lassen. Das Konzept dazu haben sie bereits entwickelt, sagt Kollektiv-Gründerin Margaret Schlenkrich. Worte lebendig werden lassen: Literatur spüren, sehen, schmecken. Ein erster Anfang ist auf den Tellern gemacht.

Stand: 24.12.2018, 08:40