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"Der Rechtsstaat wird mit Füßen getreten"

Can Dündar im Interview

"Der Rechtsstaat wird mit Füßen getreten"

Can Dündar hat im Rahmen des Literatürk Festivals sein neues Buch "Verräter" präsentiert. Es handelt von den Ereignissen, die sich nach seiner Freilassung aus türkischer Haft überschlagen haben: Prozess, Attentat, Urteil, der Putschversuch, seine Flucht nach Deutschland und sein Exil in Berlin.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in der Türkei für Journalisten und Schriftsteller?

Wir leiden darunter, nicht nur wegen unserer Journalisten-Kollegen. Nicht nur Schriftsteller, sondern Menschen aus vielen Berufsgruppen werden festgenommen. In einem Land, wo der Rechtsstaat nicht existiert, werden so viele Menschen ohne Anklage oder Urteil im Gefängnis festgehalten. Monatelang bekommen sie keinen Richter zu sehen. Das bedeutet, dass der Rechtsstaat mit Füssen getreten wird. Deshalb tun wir alles, damit diese Missstände so schnell wie möglich aufhören.

Interview mit Can Dündar

COSMO | 15.11.2017 | 02:24 Min.

Seit über einem Jahr leben Sie im Exil. Wie ist es für Sie, von Deutschland aus die politischen Entwicklungen in der Türkei zu verfolgen?

Wenn ich die Zustände in der Türkei sehe, kann ich jetzt wenigstens meine Stimme erheben. Ich kann von hier aus Aktionen starten, um die Rechte der Unterdrückten zu schützen. Ich kann meinen Beruf ausüben. Ich war dort bereits im Gefängnis. So gesehen ist es gut für mich, unter diesen Umständen im Ausland zu sein. Ich versuche, die deutsche Öffentlichkeit aufzuklären. Und tatsächlich gibt es in der Türkei-Politik von Deutschland mittlerweile einen großen Unterschied im Vergleich zum letzten Jahr.

In einem Teil der türkischen Öffentlichkeit gibt es heftige Kritik gegen Sie. Wie kommen Sie damit klar?

Ich nehme nur die Kritiken ernst, die von Menschen kommen, die ich selber schätze. Wenn ich so eine Auswahl treffe, bleiben viele automatisch draußen. Deshalb interessiert mich die Meinung des Rests nicht so sehr. Ich weiß, dass Erdogan eine Troll-Armee in der Türkei unterhält. Mit einem Fingerschnipp kann er Artikel schreiben lassen oder Kampagnen starten. Das alles nehme ich nicht so ernst. Sicherlich aber nehme ich die Kritik der von mir geschätzten Menschen ernst.

Stand: 15.11.2017, 11:00