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"Wenn man weiß, dass alle darin stecken, gibt es so etwas wie ein Gruppengefühl" - Interview mit dem Astronauten Alexander Gerst

 Alexander Gerst, Astronaut in der Raumstation ISS  mit Blick auf die Erde

"Wenn man weiß, dass alle darin stecken, gibt es so etwas wie ein Gruppengefühl" - Interview mit dem Astronauten Alexander Gerst

Alexander Gerst, Astronaut und ehemaliger Commander auf der ISS, hat Erfahrung damit, wenn man monatelang auf engem Raum lebt.

Alexander Gerst hat insgesamt 362 Tage im All verbracht – auf engstem Raum, mit wenig anderen Personen zusammen. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht einfach so auf ein Konzert oder in ein Café gehen kann. Er gibt Tipps, wie man mit der aktuellen Corona-Quarantäne-Situation umgeht.

Alexander Gerst, Astronaut

COSMO 19.03.2020 07:36 Min. Verfügbar bis 19.03.2021 COSMO

Alle Menschen bleiben jetzt zuhause, versuchen soziale Kontakte zu reduzieren. Wo bist du gerade? Wie oft musst du noch raus?

Ja hallo. Ich bin tatsächlich gerade in meinem Home-Office und muss nicht mehr raus (lacht). Ich bin es zum Glück schon gewohnt durch mein vieles Training der letzten Jahre, dass ich immer meinen Laptop bei mir hab und da mich einwählen kann - egal in welchem Trainingsort ich auch war für meine Missionen – um da Kontakt zu halten. Und jetzt mach ich das eben von zuhause aus.

Jetzt gilt ja für alle Selbstisolation. Du bist in Köln, hast immer deinen Laptop dabei. Viele haben aber das Gefühl, dass ausgerechnet die Menschen, die uns ja sehr nahe stehen, jetzt plötzlich unglaublich weit weg sind. Du warst sehr weit weg mit deiner Familie auf der Raumstation. Wie bist du denn mit diesem Gefühl umgegangen die Liebsten zu vermissen.

Das macht es natürlich viel komplizierter und das ist auch das was ich in meiner Zeit, wenn ich im Training unterwegs war, gemacht hab: Ich hab oft – eigentlich fast jeden Tag – zuhause angerufen und bei meinen Freunden angerufen. Wir haben Chatgruppen zusammen in denen wir uns unterhalten und dann auf der Raumstation war es im Prinzip dasselbe. Ich hab jeden Tag zuhause anrufen können und dadurch hat sich für mich die gefühlte Distanz fast auf null reduziert. Für mich ist es das wichtige, dass man Zeit hat miteinander zu quatschen, sich zu verstehen und zu wissen was beim anderen im Tag abläuft. Insofern finde ich eigentlich gerade die Situation vielleicht sogar einfacher, als wenn jetzt eine Person nur isoliert wäre. Wenn man weiß, dass alle in derselben Situation stecken, dann ist es fast schon so ein bisschen ein Gruppengefühl und ich finde es ist eigentlich leichter auszuhalten, wenn man das weiß.

Die deutsche Regierung ruft gerade die Bürger auf so selten wie möglich raus zu gehen. Manchmal habe ich aber das Gefühl, wenn ich lange nicht rausgehe fällt mir die Decke auf den Kopf. Wie bist du auf der Raumstation damit umgegangen?

Das ist natürlich jetzt wirklich sehr wichtig, dass man sich jetzt an diese Empfehlungen auch hält. Einfach weil wir sonst wirklich ein Riesenproblem mit dieser Pandemie bekommen – im Prinzip haben wir das ja schon. Und das ist wirklich der effizienteste Weg das Virus wieder loszuwerden. Im Prinzip ist da ja auch so wie bei den Astronauten. Bevor sie in den Weltraum fliegen müssen sie ja auch in Quarantäne. Also ich bin das gewohnt. Ich war vor beiden Missionen und auch wenn ich als Backup-Astronaut trainiert hab, war ich in Baikonur insgesamt viermal für zwei bis drei Wochen in Quarantäne. Das machen wir nicht nur für uns selbst, um uns selbst zu schützen vor Infektionen, bevor wir in den Weltraum fliegen, sondern auch, und das ist ja sehr ähnlich zu der Situation jetzt hier, dass wir die anderen schützen. Hier unten sind es die alten Leute oder die, die Vorerkrankungen haben auf die wir besonders Acht geben müssen. Und deswegen hat eben jeder die Pflicht in der Quarantäne zu bleiben. So war das bei uns ins Baikonur vor dem Start zur Raumstation auch so. Wir wollten natürlich vermeiden, dass wir die Crew auf der Raumstation infizieren würden, die da oben schon seit längerem sind und vielleicht auch ein geschwächtes Immunsystem haben. Das heißt die Situation ist sehr ähnlich.

Viele von uns müssen sich erstmal dran gewöhnen, dass wir nicht mehr eben zum Sport fahren, ins Kino gehen, zum Konzert oder zu Freunden. Wir müssen uns jetzt viel mit uns selbst beschäftigen.  Jemand der sich sehr gut mit Isolation auskennt, ist Alexander Gerst – unser aller Astro-Alex. Alex, du warst im All auf der ISS in Isolation von der Außenwelt. Was sind deine Tipps, wenn wir uns jetzt viel mit uns selbst beschäftigen müssen?

Der Vorteil im Weltraum ist, dass einem die Decke nicht auf den Kopf fallen kann – in der Schwerelosigkeit, aber das Problem ist natürlich dasselbe: Dass man isoliert ist für eine lange Zeit. Und bei mir fand ich das wichtige war, dass man Selbstdisziplin hat. Dass man die Zeit, die man hat nutzt mit Dingen, die man dort tun kann. Und ich hab mir natürlich auch eine Liste gemacht – auch jetzt hier. Ich hab Arbeitsprojekte, die ich erledigen möchte, die ich hier im Home-Office machen kann.

Dann hab ich jede Menge private Projekte, die ich noch irgendwie durchziehen möchte. Sachen die schon lange mal vorhatte, wie meine Dia-Sammlung sortieren, die Terrasse braucht den Frühjahrsputz. Solche Dinge, die kann man jetzt angehen. Also ich mach das wirklich auch mit Absicht so, dass ich jetzt nicht lange ausschlafe jeden Tag, sondern dass ich zu der Zeit aufstehe zu der ich normalerweise auch aufstehen würde. Dass man so wirklich einen Tagesablauf aufrecht erhält, der geregelt ist und ich denke so kann man das eigentlich ganz gut überstehen. Vor allem weil man ja weiß: Die Zeit ist ja begrenzt. Es ist ja nicht so, dass man drei, vier Monate in der Selbstisolation bleiben muss, sondern das sind vermutlich ein paar Wochen und dann geht’s auch wieder weiter.  

Wir müssen uns auch bewegen um irgendwie fit zu bleiben. Hast du da ein paar Tipps? Was kann man sportmäßig so alles machen in der Wohnung?

Das ist natürlich eine sehr wichtige Sache. Vor allem wenn man sich normalerweise sehr viel bewegt, dann ist es natürlich schon eine Einschränkung, wenn man das nicht mehr kann. Ich hab zum Glück eine Klimmzug-Stange hier in der Wohnung und für ein paar Liegestütze reicht es auch noch und meine Lebensgefährtin möchte mir jetzt auch noch ein paar Stabis zeigen. Und dann glaube ich kommt man auch irgendwie hin, dass man sich auch hier zuhause für eine Weile fit halten kann.

Was meinst du denn mit all deiner Erfahrung aus dem Weltall: Was gibt es jetzt was dir und was uns jetzt in der Krise helfen kann?

Ich glaube einfach mal so ein bisschen Gelassenheit und vor allem eben auch zu wissen, dass man jetzt nichts besseres Tun kann, als sich an die Anordnungen zu halten und an die Empfehlungen der Virologen. Die sollten jetzt wirklich das Heft in der Hand halten, einfach weil die wissen, wie man so eine Seuche bekämpft und nicht einfach das ignorieren, also wenn ich jetzt hier aus dem Fenster schaue: Direkt vor meinen Augen sehe ich Menschen die Basketball spielen, die das offenbar nicht verstanden haben und dafür hab ich überhaupt kein Verständnis. Weil es ist wirklich so, dass man auf diese Art und Weise seine Mitmenschen gefährdet – auch wenn man selbst vielleicht nicht zu einer Risikogruppe gehört. Ich finde das gehört sich in so einer Situation nicht.

Astronaut Alexander Gerst – Astro-Alex – darüber, wie wir es uns in Social-Distancing-Zeiten zuhause schön machen und er appelliert: Bitte nicht rausgehen. Danke dir Alex für deine Zeit, alles Gute!

Stand: 19.03.2020, 15:30