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Reisetipp: Auf den Spuren der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Touristenmagnet Tschernobyl: Der Reaktorblock

Cities - Tschernobyl

Reisetipp: Auf den Spuren der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Verlassene Gebäude, ein verfallener Vergnügungspark und das Klacken des Geigerzählers: Ein Besuch in Tschernobyl gilt als besonderes Erlebnis. Und auch die ukrainische Regierung will den Tourismus in der noch immer verstrahlten Sperrzone rund um das 1986 havarierte Atomkraftwerk weiter ausbauen.

Cities - Tschernobyl

COSMO 03.12.2019 10:18 Min. Verfügbar bis 02.12.2020 COSMO

Der verlassene Kindergarten gehört zu den "Highlights" vieler Tschernobyl-Besucher. In den verfallenen Räumen stehen noch die kleinen Bettchen. Angeschmorte Puppen liegen auf dem Boden oder starren von Regalen und Fensterbänken in den Raum. Eine Gruppe Italiener zieht durch das Gebäude – alle ausgestattet mit professionell aussehenden Fotokameras. Die Geigerzähler piepen – hier gibt es gleich mehrere radioaktive Hotspots.

Francesca, eine junge Frau mit pink gefärbten Haaren, ist die Gruppenleiterin. "Il Capitano", wie die Jungs aus ihrer Gruppe sie nennen. Sie ist bereits zum 8. Mal in der Sperrzone. Die Leute, die mit ihr hierher kommen, seien in erster Linie Fotografen, erzählt sie – so wie sie auch. Sie haben ein Faible für verlassene Orte – und Tschernobyl gelte als Mekka der verlassenen Orte.

Touristenmagnet Tschernobyl: Der Kindergarten

Das Mekka der verlassenen Orte

Hashtag lost places. Hashtag dark tourism. In den sozialen Netzwerken – vor allem auf Instagram – gibt es unzählige Bilder, die Tschernobyl als dunklen, verlorenen Ort inszenieren. Als sei die Realität nicht schon düster genug, wird technisch oft noch nachgeholfen. Je dramatischer, desto besser.

Eines der beliebtesten Fotomotive ist der verfallene Vergnügungspark in Prypjat. Ein Riesenrad, ein Autoscooter, ein Karussel – eine Kulisse wie aus einem Horrorfilm. Sogar die Geschichte passt: der Park war nie in Betrieb. Er sollte zum 1. Mai 1986 feierlich eröffnet werden. Aber vier Tage vorher explodierte der Kernreaktor in Tschernobyl. 36 Stunden später wurde die Stadt mit ihren knapp 50 000 Einwohnern evakuiert.

Prypjat - Vom Vorzeigeprojekt zur Geisterstadt

Sascha Sirota ist Anfang vierzig. Er war zehn Jahre alt als seine Heimatstadt Prypjat evakuiert wurde. Heute ist das wenige Kilometer vom Atomkraftwerk entfernte Vorzeigeprojekt des Sozialismus eine Geisterstadt. Sascha war einer der ersten, der Touristen durch seine Heimatstadt führte. Er hat es immer als seine Mission begriffen, Ihnen die Katastrophe verständlich zu machen.

Ob es Fans des in der Ukraine entwickelten Computerspiels „S.T.A.L.K.E.R.“ waren oder Leute, die einfach mal Lust hatten, sich ein postapokalyptisches Szenario anzuschauen, sei ihm früher egal gewesen. Hauptsache, seine Botschaft kam an. Das werde aber immer schwieriger, sagt Sacha – weil immer mehr Touristen in die Sperrzone kämen und viele neue Guides keine richtige Verbindung zu diesem Ort hätten.

Touristenmagnet Tschernobyl: Der Kindergarten

Boom durch Mini-Serie "Chernobyl"

107 000 Besucher waren es 2019 - allein bis Oktober. Knapp 40 000 mehr als im gesamten Vorjahr. Schuld daran ist die im Frühjahr erschienene Mini-Serie "Chernobyl", die die Geschichte der Katastrophe in bedrückenden Bildern nacherzählt. Die ukrainische Regierung will diesen Hype nutzen und mit einem besonderen Förderprogramm dafür sorgen, dass demnächst noch mehr Touristen nach Tschernobyl kommen. Geplant sind neue Routen durch die mehr als zweieinhalbtausend Quadratkilometer große Sperrzone. Auch ein geschlossener Fast-Food-Court soll entstehen – weil in der Sperrzone Essen und Trinken nur in geschlossenen Räumen erlaubt ist.

Zu den neuesten Attraktionen gehört neben Bootstouren auf dem Fluss Prypjat auch ein Besuch im Kontrollraum des havarierten Blocks vier – des Epizentrums der Katastrophe. Nur für fünf Minuten und im speziellen Schutzanzug – weil die Strahlung hier noch immer sehr hoch ist.

Stand: 03.12.2019, 06:00