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Eine Nacht hinter Gittern

Slowenien

Cities - Slowenien

Eine Nacht hinter Gittern

Von Sabine Rossi

Von der weichen Matratze aus durch die Gitterstäbe aus der Zelle nach draußen sehen oder mit dem Mountainbike durch ein stillgelegtes Bergwerk radeln. Wer Außergewöhnliches sucht, wird in Slowenien fündig, denn das Land erfindet sich ständig neu.

Cities - Slowenien

COSMO | 18.12.2018 | 13:56 Min.

Slowenien, eine Nacht hinter Gittern

Eine Nacht in einer Gefängniszelle

Mit einem Krachen fällt die Gittertür ins Schloss. Durch die Stäbe vorm Fenster schaue ich nach draußen. Celica 114, Zelle 114, ist mein Zimmer für die kommenden Tage. Bis 1991 war es eine Gefängniszelle. Wer hier wohl eingesessen hat, frage ich mich, als ich abends im Bett liege. Jede Zelle, jedes Zimmer ist anders, sehe ich später, als mich Tajda durch das Hostel im heutigen Künstlerviertel Metelkova in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana führt. Künstler aus aller Welt haben das Gefängnis umgestaltet und zu einem heimeligen Ort gemacht. Nur wenige Gäste teilen das mulmige Gefühl, das ich zu Beginn hatte. Laura und Nicolò aus Italien gefallen der Minimalismus und die klaren Strukturen. Mein Zimmer gehört zu den bunteren: An der Wand hängen Fotos aus aller Welt – Zufluchtsorte. In einem anderen Zimmer besteht die Garderobe aus lauter Türklinken. "Die Idee des Künstlers war es, sich vorzustellen, woran die Gefangenen wohl gedacht haben, während sie hier eingesperrt waren", sagt Tajda. "Die dunkle Decke soll den Nachthimmel darstellen. Die Türklinken an der Wand stehen dafür, dass die Gefangenen davon geträumt haben, die Wände zu öffnen, rauszugehen und zu fliehen."

Mit dem Rad durchs Bergwerk

Bergwerk in Slowenien

Mežica an der slowenisch-österreichischen Grenze

"Wenn ihr mich verliert, habt ihr ein Problem", sagt Marko Kuzman und lässt das Tor des früheren Erzbergwerks zufallen. Vor uns liegen gut sechs Kilometer Tunnel, Gänge und Schächte. Das einzige Licht: Die Stirnlampen an den Fahrradhelmen. Marko steigt auf sein Mountainbike. Der Weg ist eng und hubbelig. Früher fuhr hier die Bahn, die Bergarbeiter, wie Marko, in den Stollen brachte. Anfang der 1990er Jahre wurde die Mine in Mežica an der slowenisch-österreichischen Grenze geschlossen. Seitdem führt Marko durch den Berg und in seine Vergangenheit. Unterwegs steigen wir ab, lassen die Räder stehen. "Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn das Licht ausfällt?", fragt Marko. Dann schaltet er die Stirnlampen aus, und wir stehen in der Finsternis.

Mittagessen mit Geflüchteten

Ambassada ist ein Treffpunkt für Geflüchtete

Ambassada ist ein Treffpunkt für Geflüchtete

Ambassada ROG steht über dem Eingang eines kleinen Gebäudes der früheren Fahrradfabrik ROG, nur wenige Schritte von den Sehenswürdigkeiten in Ljubljanas Altstadt entfernt. Das Gelände ist seit 2006 besetzt. Die Anwohner wollten nicht länger zusehen, wie die Gebäude verfallen. Die Ambassada ist ein Treffpunkt für Geflüchtete und alle, die sie unterstützen. In der Küche rührt ein junger Mann in den Töpfen auf dem Herd. Als ich ihn nach seinem Namen frage, stoppt mich Zana Blažič, denn sein Aufenthaltsstatus ist noch nicht geklärt. Zana hilft Geflüchteten bei Behördengängen, organisiert den täglichen Kochplan und sammelt das Geld ein. Jeden Mittag kocht jemand anderes. Gegen eine kleine Spende kann jeder mit essen. Zu zehnt sitzen wir um den Tisch und kosten Gemüse in Erdnusssoße. Wir kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Slowenien, Deutschland und sprechen alle Sprachen durcheinander. "Die Ambassada ROG ist für mich der Ort und die Quelle, an der ich Kraft und Inspiration tanke", sagt der Koch, "ich fühle mich verbunden, zu Hause, unterstützt. Dieser Ort gibt mir die Möglichkeit, mich mit anderen auszutauschen."

Stand: 18.12.2018, 10:11