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Lettlands musikalische Metropole

Riga - Wandgemälde von Rudens Stencil | "Saule Pērkons Daugava"

Cities - Riga

Lettlands musikalische Metropole

Von Benjamin Weber

Mit 700.000 Einwohnern ist die lettische Hauptstadt Riga die größte Stadt im Baltikum. Seit der "Singenden Revolution" von 1990 unabhängig, ist Riga eine abwechslungsreiche, musikalische Stadt – die wie der Rest des Landes immer noch ein wenig auf Identitätssuche ist.

Cities - Riga

COSMO | 09.01.2018 | 10:28 Min.

Als die Sowjetunion Ende der Achtziger Jahre kurz vor ihrem Ende steht, gehen auch die Letten auf die Straße – und singen. Sie singen lettische Volkslieder, die von der russischen Besatzung verboten sind. Die sogenannte "Singende Revolution" führt zur Unabhängigkeit Lettlands 1990.
Mitten in der Altstadt stehen die Bremer Stadtmusikanten als Staute – sie schauen durch etwas hindurch, das den "Eisernen Vorhang" symbolisieren soll. Ein Geschenk von Rigas Partnerstadt Bremen zur Unabhängigkeit.

Diese Städtepartnerschaft ist nicht die einzige Verbindung zu Deutschland: Von dem deutschen Bischof, der Riga im 13. Jahrhundert gründete, über die Hanse bis zur Besetzung 1941 – Deutschland ist in der lettischen Hauptstadt auch heute noch relativ präsent. Selbst die pittoreske Altstadt erinnert mit ihrem Kopfsteinpflaster, den schönen, alten Häusern und dem Fachwerk architektonisch an deutsche Städte.

Die Stadt zu Fuß erkunden

 "Wenn du etwas mehr von Riga sehen willst, komm mit uns", sagt Kaspars. Er kommt aus Riga, hat Geschichte studiert, ist gerade mit der Uni fertig – und arbeitet als Reiseführer bei der alternativen Free Walking Tour. Zu Fuß geht es durch Gegenden, die man nicht unbedingt im Reiseführer findet. "Vielleicht werden wir Obdachlosen begegnen, ramponierten Häusern, Müll – aber auch das gehört zu Riga."

Der Weg führt uns hinein ins sogenannte Moskau-Viertel, einem ärmeren Bezirk hinter dem Bahnhof, in dem vor allem die russischsprachige Minderheit lebt. Hier wird sichtbar, vor welchen Herausforderungen die lettische Gesellschaft auch 27 Jahre nach der Unabhängigkeit noch steht – und wie sehr sie die nach langer Zeit der Besetzung durch Deutschland und die Sowjetunion noch auf der Suche nach einer eigenen, lettischen Identität steht. Die Free Walking Tour zeigt eher weniger Sehenswürdigkeiten – dafür gibt es Geschichten, die in Erinnerung bleiben.

Riga - Moskauviertel

Das Moskauviertel von Riga

Musik liegt in der Luft

Egal, wo man hinschaut: Musik ist ein sehr wichtiges Thema in Riga. Die Kulturszene ist aktuell von einem Konflikt geprägt: Das Haus, in dem der klassische Komponist Richard Wagner von 1837 bis 1839 dirigiert hat, steht leer und droht zu verfallen – weil der Staat, dem das Haus gehört, zu wenig Geld im Kulturbudget hat, um eine Sanierung zu bezahlen. Eine breite Bewegung, die sogar von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Maris Gailis angeführt wird, will das nicht hinnehmen. Mit einem großen Flashmob mit über 400 Sängerinnen und Sängern haben sie das Thema auf die Agenda gesetzt. Reclaim your city in klassischer Musik.

Riga - Wagnerhaus

Das Haus, in dem Richard Wagner von 1837 bis 1839 dirigiert hat.

Populäre Streetart mit lettischer Tradition

Seine Heimatstadt Riga prägt der Street-Artist Dainis Rudens auf seine ganz eigene Art und Weise. Unter dem Künstlernamen Rudens Stencil malt der 30jährige vor allem Häuserwände. Je größer, desto besser: Das größte Graffiti Lettlands hat er in einem Großprojekt an die Wand eines sechsstöckigen Wohnhauses gemalt.
Seine Kunstwerke zeigen oft Gesichter, die an HipHop-Plattencover erinnern. Fast immer tauchen alte, lettische Symbole auf. Sie sind hunderte Jahre alt und erinnern an germanische Runen – nichts, was man unbedingt in einem subversiven Subkultur-Kontext wie Streetart erwarten würde. Für Dainis erfüllen sie aber eine ganz klare Funktion: "Sie symbolisieren: Ich bin von hier."

Diesen Mechanismus, dass Künstler sich auf alte lettische Traditionen beziehen, um ihre eigene, lettische Identität auch in Abgrenzung zu Russland zu definieren, findet man 27 Jahre nach der Unabhängigkeit nicht nur in den Streetart-Bildern von Dainis. Auch auf Musikfestivals, in der Oper, in der Nationalbibliothek, in DJ-Sets und im Film: Die Frage nach der eigenen Identität in Riga ist omnipräsent und macht den Besuch in der Stadt sehr spannend.

Stand: 09.01.2018, 09:00