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Ahornsirup auf Popcorn und Poutine

Quebec City

Cities - Québec

Ahornsirup auf Popcorn und Poutine

Von Nele Posthausen

Die Provinz Québec im kanadischen Osten bietet die komplette Spannbreite der kanadischen Identitätskrise auf wenigen hundert Kilometern. Offenheit und queeres Leben in Montréal, Kleinstädtertum und stolzes Konservieren der französischen Kultur in den Örtchen entlang des Fleuve Saint-Laurent.

Fast würden wir heute nicht von Kanada sprechen, wenn wir von Québec sprechen. Denn die Provinz ganz im Osten des Landes ist ein Querulant, wenn es um das große Ganze geht. Viele hier wollen die Unabhängigkeit. Erst 1995 war die letzte Abstimmung über eine Abspaltung von Kanada. Und die Nein-Stimmen haben nur so richtig knapp überwogen: 50,5­8 % Nein-Stimmen zu 49,42 % Ja-Stimmen. Was ist an der Provinz so anders als am Rest des Landes?

"Nous sommes Québécois"

Zuallererst ist es die Sprache. Wer in Québec aufwächst, der ist stolz auf sein Québecois und pflegt diesen französischen Regiolekt. Für europäische Reisende, die in der Schule, der Uni oder der VHS Französisch aus dem Lehrbuch gepaukt haben, ist das eine Herausforderung. "Tabarnak", "Esti" und "Calisse" sind nur drei der sehr speziellen Worte des Quebecois. Es handelt sich um Schimpfworte, die vor allem in ihrer Nutzung für Ausländer ein Rätsel darstellen. Mal heißt es "je suis en tabarnak", dann ist dein Gegenüber so richtig auf der Palme und du solltest besser in Deckung gehen, mal säuselt er "tu es belle en tabarnak" und will dich damit ganz sicher nicht beleidigen, sondern dir mitteilen, dass du verdammt noch mal eine ziemliche Schönheit bist.

Montreal

Kitsch - ganz oder gar nicht

Über diese sprachlichen Feinheiten können die Québecer selbst gerade in den Großstädten Québec City und Montréal ziemlich gut schmunzeln. So finden sich im Souvenir-Laden "Kitsch à l'os" etwas außerhalb der City von Montréal zum Beispiel Bio-Seifen mit den Worten "Tabarnak", "Esti" und "Calisse" eingraviert. Der vollgestellte kleine Laden symbolisiert ohnehin ein bisschen den Hang der Québecer zu verspielter Deko und ihren Sinn für das Schöne im Kleinen. In der Innenstadt von Montréal wirkt so zum Beispiel das Viertel "Plateau", wie ein Mini-Frankreich direkt über der amerikanisierten Downtown. Kaffeebars mit nur drei Sitzplätzen, überquellende Second-Hand-Shops und Plattenläden, in denen der Verkäufer nebenbei den DJ gibt. Beim Bagel-Frühstück begegnet dir hier auch schonmal ein leichtbekleideter Matrose im Vollrausch - denn nachts ist das Plateau nach dem queeren "The Village" den Hotspot für wildes Nachtleben von Punk-Konzerten bis Karaoke-Bars.

Rad-Provinz Quebec

Abkühlung im Fleuve Saint-Laurent

Da überrascht es, wie frei und groß die Landschaft auf einmal wird, wenn du dich auf den sauber geplanten Radwegen aus der Stadt raus Richtung Ostküste aufmachst. Nach nur zwei Stunden ist der Stadt-Trubel so weit weg, dass die Streifenhörnchen sich beim Pause-Machen an die Snack-Nüsse wagen. Über Landstraßen sind die rund 300 Kilometer von Montréal nach Québec City eine superentspannte Tour für Radwanderer. Mal sausen hier Wettkämpfer auf Rennrädern an dir vorbei, meist überholst du aber nur einen älteren Landbewohner auf einer rostigen Tretmühle, der gerade vom Beeren-Sammeln heimkommt. Da die Temperaturen hier im Sommer auch schonmal die 30-Grad-Marke knacken, ist der zusätzliche Vorteil dieser Tour der Fleuve Saint-Laurent. Wer sich zunächst wundert, dass niemand in dem klaren, leeren Wasser badet, bekommt von Einheimischen schnell erklärt: Die Québecer gehen einfach selten in natürliche Gewässer. Sie stehen eher auf Pools und ihre an jeder Ecke verfügbaren Hot Tubs.

Poutine

Popcorn und Poutine

Wer durch Québec reist, wird an zwei Leibspeisen nicht vorbeikommen: Poutine und Ahornsirup. Über die Produktion und korrekte Einnahme von beidem können dir Québecer mehrstündige Vorträge halten. Poutine besteht im Wesentlichen aus Pommes, über die Bratensauce gekippt wird und die dann mit einem zähen Käse überbacken werden, der sich dadurch auszeichnet, dass er beim Kauen im Kiefer quietscht. Mittlerweile haben sich aber ganze Ketten entwickelt, die dir Poutine auch mit vegetarischer Bratensauce (akzeptiert), im Mexiko-Stil mit Chili und Nachos (absurd) oder ganz nach Eigenkreation sogar mit anderem Käse (Blasphemie) anbieten. Poutine mit Ahornsirup ist schwierig aufzugabeln, gibt es mit Sicherheit aber auch. Denn dem Québecer ist sein Ahornsirup das, was dem Saarländer sein Maggi ist: Muss einfach überall drauf. Die komplette Innenstadt von Québec riecht deswegen nach einer süßlichen Mischung aus Popcorn und Ahornsirup. Das mit Sirup übergossene Korn ist eine Touristen-Attraktion und wird von jungen Mädchen in altbackenen Schürzen verkauft. Gemacht wird der Sirup teilweise noch ganz traditionell in kleinen Holzhütten, wo der Süße Saft der Ahornbäume in mehreren Stufen erhitzt und verdickt wird. Ein Tipp ist hier von der touristischen Québec City auf die vorgelagerte Île d'Orléans rüber zu fahren. Frisches Gemüse, Beeren, aber eben auch selbstproduzierten Ahornsirup gibt es hier direkt vom Bauern.

Stand: 13.08.2018, 15:52