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Von Krabbenorgien und Wellnesstempeln

Krabbenverkäufer in Itoigawa

Cities - Japan

Von Krabbenorgien und Wellnesstempeln

Von Katharina von Tschurtschenthaler

Um der Hektik Tokios zu entfliehen, lohnt es sich, in den Shinkansen Richtung Japanisches Meer zu steigen. Die Gefahr, noch mehr "Lost in Translation" zu enden, ist zwar höher als in der Großstadt, als Belohnung für den Trip in die Pampa winken dafür heiße Quellen, wunderschöne Tempel und frischgefangene Krabben.

Glücksbringer mit leeren Augen: der Daruma von Takasaki

Eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Hokuriku Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, von Tokio bis Takasaki. Mein erster Eindruck: Oh, eine von diesen japanischen Städten. Heißt: Shoppingmeile, Foodmeile, 80er-Jahre Betonbrutalismus. Aber nur ein paar Kilometer weiter wird es spannend. Der Syrorinzan Daruma-Ji ist ein buddhistischer Tempel und gleich doppelt berühmt. Die drittgrößte Zenschule Japans befindet sich hier, und der populärste Glücksbringer des Landes kommt aus der Gegend: der Daruma. Das ist eine Statue, meistens aus Pappmaché hergestellt und mit einem Gewicht beschwert, damit der Daruma nicht umfällt. Im übertragenen Sinne heißt das: Auch wenn man fällt, macht er Mut, sich in jeder Situation wieder aufzurichten.

Darumas sind beliebte Mitbringsel: Vor Ort muss man der Statue ein die linke Pupille malen und sich was wünschen. Geht der Wunsch innerhalb eines Jahres in Erfüllung, wird die zweite Pupille gemalt. Falls nicht: Next try, wiederkommen, neuen Daruma kaufen.

Der Darumaworkshop bei Nakata-San

Der Darumaworkshop bei Nakata-San

Für die Fingerfertigen: Neben dem Tempel gibt es einen Daruma-Mal-Workshop bei Nakata-San. Bei ihm können Besucher ihre eigenen Figuren bemalen. Er spricht zwar kaum ein Wort Englisch, aber das ist nebensächlich. Zugucken, nachmachen, scheitern: Während Nakata-San seinem Daruma mit federleichten Pinselstrichen ein Gesicht verpasst, sieht meine Statue aus wie ein verzweifelter Schminkversuch einer Fünfjährigen. Für die Wunscherfüllung tut das aber nichts zur Sache, versichert mir der Künstler.

Onsen in Itoigawa: Warum Tattoos in Wellnesstempeln unerwünscht sind

Nackig machen, waschen, einseifen, schrubben, rubbeln, waschen und nochmal von vorne. Onsen steht für heiße Quelle und kann mit einem Spa bei uns verglichen werden. Bevor ihr euren Körper im heißen Quellwasser entspannen dürft, müsst ihr euch ausgiebig waschen. Das ergibt Sinn, denn in den heißen Wannen liegen dann alle gemeinsam – natürlich streng getrennt nach Geschlechtern. Ein Besuch in einem Onsen, also einem Heiße-Quellen-Resort ist ein Muss für jeden Japanaufenthalt. Geschlafen und gegessen wird japanisch, also in einem Tatamiraum am Boden auf einem Futon. Zum Frühstück gibt es Misosuppe und gebratenen Fisch.

Onsen-Hotels haben häufig mehrere Becken, oft sind die im Freien. Der Dresscode ist simpel: Bis zur Umkleide schreitet man in der Yukata, das ist eine Art japanischer Bademantel. Im Nassbereich ist nur der eigene Körper erlaubt – nicht aber die Körperkunst. Tattoos sind in vielen Hot Springs verboten, in anderen zumindest nicht gerne gesehen. Das liegt daran, dass in Japan fast ausschließlich Mafiosi, auf Japanisch "Yakuza", tätowiert sind. Deshalb bitten Onsen-Resorts und Schwimmbäder: "Schützt unsere Kinder vor diesem Anblick!"

Kleine Tattoos lassen sich ganz gut abkleben, für die Ganzkörper-Tätowierten unter euch gilt: Privatbecken buchen, oder abwarten. Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio möchte sich das Land mehr der westlichen Kultur öffnen. Momentan sieht es allerdings noch so aus: Entweder man fliegt wegen seines Körperkults raus, oder wird mit hochgezogenen Augenbrauen angekuckt.

Picknick mit Meerblick: Krabbenorgie am Strand

Wie wäre es mal mit einem Low-Carb-Day? Ab an den Strand in Itoigawa, der praktischerweise neben der Hauptstraße liegt. Die Raststation hat hingegen wenig mit einer Tanke zu tun. Im Gegenteil: Sie ist das Krabbenparadies der Region. Dutzende Fischer bieten ihren frischen Fang an, allen voran die berühmte Benizuwai-Krabbe. Serviert wird die in einem Eimer. Statt Besteck gibt es eine Schere. Das Geheimnis ist, die Krabbenbeine mit der Schere einzuschneiden und dann das weiße Fleisch "herauszuzuzeln" – ähnlich wie bei bayerischen Weißwürsten.

Die Schalentiere zu verspeisen ist eine kleine Herausforderung, die Fischverkäufer werden aber nicht müde, blutigen Anfängern mit Händen und Füßen die richtige Technik beizubringen. Die Einheimischen empfehlen zur Krabbe übrigens Bier: Damit ist die Low-Carb-Diät zwar dahin, beides passt aber unglaublich gut zusammen.

Cities - Japan

COSMO | 05.12.2017 | 15:07 Min.

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Stand: 05.12.2017, 09:00