Belgrad - Betonkult und Kultautos

Belgrad - Hochhäuser im Gegenlicht

Cities - Belgrad

Belgrad - Betonkult und Kultautos

Von Rayna Breuer

Die serbische Hauptstadt versucht die Spuren der Vergangenheit abzustreifen. Das moderne  Belgrad zieht immer mehr Touristen an.

Ein persönlicher Blick auf Belgrad

Belgrad ist nicht meine Geburtsstadt und auch nicht meine Lieblingsstadt, aber sie war für mich immer meine Transitstadt. Ich kenne Belgrad seitdem ich denken kann - in den 90ern sind wir auf den Weg von Bulgarien nach Westeuropa immer durch Serbien gefahren. In den frühen 90ern war die Stadt kühl, heruntergekommen, alt, grau. Dort wollte ich nur ungern eine Rast einlegen. Später, Ende der 90er, unmittelbar nach den NATO-Bombardierungen, fühlte sich Belgrad an wie eine Geisterstadt: die zerstörten Gebäude wirkten surreal. Später war sie laut und lebendig, es war die Zeit als die Menschen auf den Straßen waren und gegen Milosevic protestierten. Rückblickend hat Belgrad so viel durchgemacht, hatte so viele Gesichter - das heutige aber gefällt mir am meisten: Es ist modern, pulsierend, temperamentvoll. Und das hat sich scheinbar rumgesprochen. Denn immer mehr Touristen besuchen die heutige Hauptstadt von Serbien. Belgrad ist also längst kein Geheimtipp mehr -  und dennoch hat es viele Geheimnisse. Hier drei davon.

Cities - Belgrad

COSMO 11.12.2018 12:30 Min. Verfügbar bis 11.12.2019 COSMO

Mit dem Kultauto durch Belgrad

Eng, sehr eng. Also es ist nichts für Menschen mit Platzangst. Und laut, sehr laut. Stellenweise dachte ich, die Tür sei nicht richtig geschlossen. Man hat echt das Gefühl, der Motor liegt auf Deinem Schoss. Eine Klimaanlage gibt es natürlich nicht: Die brauchst Du aber im Sommer nicht, es zieht auch wenn die Fenster geschlossen sind. Und im Winter ziehst Du eben den Mantel nicht aus. So sparst Du sogar Zeit. Es gibt Knöpfe für das Licht und einen Hebel für die Blinker, das Armaturenbrett ist sehr schlicht. Kurzum: Ein einfaches Auto, das unserem Komfort, den wir heute gewohnt sind, nicht so richtig entspricht, aber Pedja liebt es über alles würde.

In seinem quietschgelben Fico bin ich durch Belgrad gedüst. Wobei düsen ist vielleicht das falsche Wort, es ist eher brummen, denn mehr als 100 km/h schafft der Fico sowieso nicht, sonst zerfällt er in seine Einzelteile. Es ist DAS Kult-Auto aus Jugoslawien, das Bindeglied zwischen den Teilrepubliken, die Antwort auf den VW Käfer, der Stolz aller Jugoslawen. Der Fico wurde damals in Jugoslawien produziert, heute gibt es Jugoslawien nicht mehr und das Auto auch nicht - zumindest wird es nicht mehr produziert, dafür hängt es als Schlüsselanhänger oder Wandplakat in jedem Haushalt. Und einige Autoliebhaber haben sogar noch einen richtigen Fico in ihrer Garage stehen.

“Das war ein Auto das Jugoslawien “motorisiert” hat”, sagt Pedja. “Es war günstig und man konnte es sich leisten. Als die ersten Autos der Serie in den 1950ern und Anfang der 1960ern auf den Markt kamen, haben nur ausgewählte Personen das Auto gekriegt. Aber dann später als die Produktion in Serbien startete, konnte sich jeder das Auto leisten. Die Nachfrage war so groß, dass die Hersteller gar nicht hinterher kamen. Also man konnte sich das leisten, aber man musste warten. Mein Vater hatte Glück, er hat seinen ersten Fico durch einen unglücklich-glücklichen Umstand erhalten. Sein Freund hat lange auf seinen Fico gewartet. Als dieser vom Band kam, brauchte er Geld und hat ihn meinem Vater verkauft”, erzählt Pedja und gibt Gas.

Belgrad - Pedja liebt seinen quietschgelben Fico

Der Rakija: Das Allheilmittel

Nach den Umdrehungen in der Stadt, folgen nun ein paar Umdrehungen im Sitzen. Die Produktion von Obstschnaps ist in Serbien eine Kunst und Volkssport zu gleich. Rakija hat in den letzten Jahren einen Imagewechsel vollzogen: weg vom billigen Fussel, hin zu einer hingebungsvollen Herstellung mit akademischem Anspruch. Und Rakija ist nicht nur zum Trinken: Ja, der Rakija hilft gegen alles. Grad jetzt in der Erkältungszeit, wenn Du Dir das auf die Brust und den Rücken schmierst, bist Du am nächsten Morgen fit wie ein Turnschuh. Der Rakija soll aber auch fiebersenkend wirken. Hilft bei der Desinfektion von Wunden, oder wenn man eine Magenverstimmung hat. Bei Beerdigungen schüttet man Rakija auf das Grab. Kurzum: Ein Wundermittel.

Das bestätigt auch Branko Nesic, der in den 90ern eine Rakija Bar im Zentrum von Belgrad eröffnet hat. Er hat damals den Keller seines Opas ausgemistet, die Wand nach Außen zur Straße eingerissen und aus dem kleinen Raum eine schnuckelige Rakija Bar gemacht. Sie ist inzwischen sehr beliebt und berühmt. Er produziert auch Parfüm aus Rakija, Schokolade aus Rakija. Es werden Rakija-Gourmet-Touren organisiert: Der Rakija, so scheint es, hat den Cognac und Whiskey fast schon überholt. “Ich denke, dass wir in Serbien eine kleine Rakija-Renaissance erleben. Die kleinen Produzenten, die damals in Garagen und in irgendwelchen Schuppen destilliert haben, machen das jetzt auf hohem Niveau. Wir sprechen von Mikro-Destillen, ihre Produkte sind qualitativ hochwertig und rar, weil sie nicht viel davon produzieren. Sie werden auf traditionelle Art, zweifach destilliert. Alles in Handarbeit. Der Prozess ist langsam und mühselig. Das macht Serbien zu einem kleinen Rakija-Paradies. Hinzu kommt, dass die Zutaten fantastisch sind. Serbien erntet hochwertige Pflaumen und Himbeeren.”

Meine Empfehlung: Sljivovica mit Honig. Dazu: Getrocknete Früchte. Sljivovica ist Zwetschgen-Rakija - der berühmteste in Serbien. Überhaupt Sljiva, also Pflaume, genießt einen sehr hohen Status in der Gesellschaft. Zwetschge gibt es als Vornamen und als Nachnamen, wir haben ein Dorf mit dem Namen Zwetschge. Wir sagen, Du hast eine Zwetschge am Hals, wenn man einen Knutschfleck hat, oder Du hast eine Zwetschge am Auge, wenn Dich jemand geschlagen hat oder wenn uns etwas egal ist, sagen wir “Wer zwetschgt dich”. Alles Zwetschge eben.

Der Stil des rohen Betons

Man könnte nichts in Belgrad sehen, aber den Genex-Turm kann man nicht übersehen. Das 115 Meter hohe, brutalistische Bauwerk empfängt jeden Besucher schon von Weitem. Der Brutalismus in Architektur und Kunst wurde zum Ausdrucksmittel des früheren Jugoslawiens, das Offenheit, Fortschritt und Freiheit propagierten wollte. Der Turm befindet sich im Stadtteil Novi Beograd, der für seine Wohnblöcke wie aus einem Science-Fiction-Roman bekannt ist. Und was für den Kölner der Dom ist, ist für die Belgrader der Genex-Doppel-Wolkenkratzer: “Wir sind sehr viel umgezogen, von München über Zürich, jetzt Wien. Dieses Kommen, nach Belgrad, diese Anreise nach Belgrad, mit dem Erblicken des Genex-Türme ist für mich immer ein emotionaler Moment, nach dem Motto: Wir sind da, wir kommen heim. Durch das viele Umziehen, hatte ich das Gefühlt, es fehlt mir an tiefen Wurzeln. Das Erforschen von Belgrad ist für mich eine Art emotionales Wurzelschlagen.”, sagt Vesna Vucinic. Sie und Miodrag Ninic sind Architekten und bilden 360Beograd. Sie bieten spannende Stadttouren an - und zeigen Belgrads versteckte und unbekannte Orte. Eine der angebotenen Touren behandelt die brutalistische Stilrichtung in Serbien.

Brutalistische Architektur gibt es in vielen Teilen der Welt. Es kommt vom “beton brut”, also roher Beton, so hat es der berühmte Architekt Le Corbusier bezeichnet.  Einige nennen es “ehrlicher Beton”, ohne Verkleidung. Der Beton wird dabei Holzverschalungen gegossen und durch das Weglassen von eine Verkleidung bleibt die Maserung des Holzes sichtbar. Die Gebäude sind sehr angenehm, sehr lichtdurchflutet, im Sommer ist es wunderbar kühl, die Tragflächen sind im Außenbereich, also nicht im Gebäude, was die Räume sehr groß macht. Das ist auch charakteristisch für diese Bauart.

Es gibt grob gesprochen zwei Richtungen im Brutalismus: wir haben den expressionistischen Stil und den funktionalen brutalistischen Stil wie in Großbritannien, wenn wir an diese rationalen, sparsamen Wohnkomplexe denken. Der jugoslawische Brutalismus hat aber eine Besonderheit, dass er diese zwei Stile verbindet, wie Miodrag Ninic von 360Beograd sagt - wie auch dass er gar nicht so brutal ist, wie man denkt: “Ich glaube, dass der Begriff Brutalismus im Sinne von Le Corbusier, für Jugoslawien nicht adäquat ist, denn er hatte nichts brutales in sich. Es ist eine sehr qualitative und freundliche Architektur, vor allem im Wohnungsbau, das waren hochwertige Wohnungen, wo die Leute immer noch gerne wohnen und deren Marktwert auch nicht sinkt.

Früher wurde Neu Belgrad als das Schlafzimmer Belgrads verspottet, weil man dort nur diese Wohnblöcke zum Schlafen hatte und in der Stadt gearbeitet hat aber das hat sich total geändert. Firmen, Kaufhäuser und Märkte haben sich dort angesiedelt und inzwischen sind diese Wohnflächen sehr beliebt, es gibt aber einen Haken: “Die Adresse finden, das könnte schwierig werden. Die Gebäude sind frei im Raum, es gab zwar eine Logik der Nummerierung als sie erbaut wurden, die ist heute aber nicht mehr ersichtlich. Mit der Zeit lernt man als Bewohner aber, wo die einzelnen Blöcke sind. Dann aber auch noch den richtigen Eingang finden, das ist eine Kunst für sich”, sagt Miodrag Ninic. Belgrad hat noch viel mehr zu bieten, aber dafür müsst ihr schon selber dahin fliegen und die Stadt erkunden.

Stand: 11.12.2018, 11:00