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Tourist go home!

Barcelona

Cities - Barcelona

Tourist go home!

Von Oliver Neuroth

Barcelona. Das ist nicht nur die zweitgrößte Stadt Spaniens, Hauptstadt der Region Katalonien und Heimat des berühmten FC Barcelona - nein, Barcelona ist auch einer der größten Touristenmagnete Europas. Jedes Jahr kommen rund 27 Millionen Urlauber in die Stadt. Zu viele, sagen die Bewohner.

Cities - Barcelona: Tourist go home!

COSMO 11.06.2019 11:36 Min. Verfügbar bis 10.06.2020 COSMO

Rodolfo und Minerva sind genervt. Täglich hören sie das Klappern der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster vor ihrem Wohnhaus und sehen Touristen-Horden durch die Straße ziehen. Sind auch Einheimische unterwegs? Kaum noch, sagen die beiden. Fast alle alteingesessenen Geschäfte in ihrem Innenstadtviertel mussten Fast-Food- und Bekleidungsketten weichen. "Diese Stadt entwickelt sich zu einem Freizeitpark des Kommerz und verliert ihre kulturelle und künstlerische Seele", meint Rodolfo. Und Minerva findet: "Hier ist alles voller Touristen. Sie vertreiben uns regelrecht. Wir kämpfen zum Beispiel für unser Recht auf bezahlbaren Wohnraum."

Wenn Urlauber die Stadtviertel "töten"

Das Problem: Viele Wohnungsbesitzer in Barcelona vermieten ihre Zimmer inzwischen lieber kurzfristig an Touristen als langfristig an Einheimische - das bringt mehr Geld. Wer seine Wohnung an Urlauber vergibt, braucht in Barcelona eine spezielle Lizenz. Doch die Stadt stellt seit Jahren keine neuen mehr aus. Fast 4.000 Wohnungsbesitzer scheint das nicht zu stören - sie bieten ihre Zimmer trotzdem über Portale wie AirBnB an.

Panoramablick über einen Teil Barcelonas. Im Vordergrund ein altes Hafengebäude, rechts das Meer und Teile des Hafens, im Hintergrund Hochhäuser.

Modern und Alt stehen in Barcelona dicht beieinander

Um diese illegalen Touristenunterkünfte aufzuspüren, hat die Stadt eine Spezial-Einsatz-Gruppe gegründet. Die Beamten ziehen durch die Straßen und suchen aktiv neue Ferienwohnungen: Sie sprechen mit Nachbarn, ob ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen ist - zum Beispiel, ob ständig Fremde im Haus ein- und ausgehen. Erhärtet sich der Verdacht, dass eine Wohnung keine normale ist, startet die AirBnB-Polizei eine Razzia. Wer ohne Lizenz vermietet, muss bis zu 60.000 Euro Strafe zahlen.

Gegen die illegale Ferienvermietung sind Bewohner von Barcelona in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Straße gegangen. Sie organisierten friedliche Demos - aber für Schlagzeilen sorgten auch robustere Aktionen: Zum Beispiel jene, in der eine Gruppe Vermummter einen vollbesetzten Urlauberbus stoppte und ihn mit Farbe besprühte. "Tourismus tötet die Stadtteile" schrieben sie in großen Buchstaben auf die Frontscheibe. Die Urlauber im Bus kamen mit dem Schrecken davon.

Ruf nach einer Touristen-Grenze

Die Stadtverwaltung von Barcelona hat vor ein paar Monaten eine Umfrage unter den Bewohnern zum Massentourismus gestartet: Jeder zweite wünscht sich demnach ein Urlauber-Limit - nämlich 49 Prozent. Bei einer ähnlichen Umfrage vor rund sieben Jahren waren es 25 Prozent, also jeder Vierte. Eine Idee von Bürgermeisterin Colau könnte den Tourismus tatsächlich spürbar eingrenzen: Die Stadt hat beschlossen, dass im Zentrum keine Hotels mehr gebaut werden dürfen. Mehr noch: Selbst wenn ein altes Hotel schließt, darf kein neues mehr einziehen. 33 konkrete Bauprojekte in Barcelona sind damit gestoppt. Die Zahl der angebotenen Hotelzimmer dürfte mittelfristig also deutlich sinken. Ihre Preise dagegen weiter steigen.

Stand: 11.06.2019, 11:34