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Amsterdam: Eine Stadt erfindet sich neu

Amsterdam -  Blick in eine Gracht

Cities - Amsterdam

Amsterdam: Eine Stadt erfindet sich neu

Von Lena Breuer

Amsterdam – das bedeutet Grachten, Rotlichtviertel, Cannabis und jede Menge Touristen. Die niederländische Hauptstadt ist eine der beliebtesten Touristenstädte Europas.

Cities - Amsterdam

COSMO 30.04.2019 10:33 Min. COSMO

Neunzehn Millionen Touristen kamen 2018, dabei hat Amsterdam selbst nur rund 850 000 Einwohner. Die Touristenmassen, sie sind das Ergebnis einer konsequenten Stadtentwicklung, die die Innenstadt in den 70ern vom Drogensumpf befreite und zum Touristenparadies machte. Und heute? Sucht Amsterdam neue Wege, weg vom Klischee-Tourismus im Rotlichtviertel hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Nachhaltiger Tourismus – das bedeutet in Amsterdam vor allem: Die Touristenströme entzerren. Momentan strömen die Reisegruppen vor allem in die Altstadt. Zwischen Niuewmarkt und Damplatz liegt das berühmt, berüchtigte Rotlichtviertel mit Coffeeshops, Sex-Bars und jeder Menge Partyangeboten. Dazu stehen hier historische Gebäude und die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Noch vor fünf Jahren wäre kein Tourist auf die Idee gekommen, die Fähre zu nehmen und nach Noord – Amsterdams nördlicher Stadtteil – überzusetzen. Und genau hier hat die Stadtverwaltung angesetzt und das ehemalige Industrieviertel konsequent aufgewertet.

Hip und modern

Noord ist der größte Stadtteil Amsterdams und war noch bis in die 80er-Jahre hinein ein schmutziges Industrieviertel. Hier im Hafen wurden Schiffe gebaut, das Viertel war arm und nicht besonders schön. Aber seitdem der industrielle Hafen aus dem Zentrum verbannt wurde, ist aus dem einzigen Schmuddelkind Noord ein bewusster Gegenentwurf zur Grachtenromantik der Innenstadt geworden. Hafenflair, viele Hausboote, dazu Hippycafés und moderne Architektur. Angefangen hat das mit dem Umzug des Eye Filmmuseums aus einem Altbau in der Nähe des Vondelparks in einen futuristischen Neubau direkt am Wasser der IJ – das war vor sieben Jahren.

Rund um das markante Gebäude erfand sich nun auch der Rest des Stadtteils neu. Und Noord hat noch einen Vorteil: Im flächenmäßig größten Stadtteil der niederländischen Hauptstadt gibt es überhaupt noch Platz zum Bauen – deshalb entstehen gerade hier viele nachhaltig gestaltete Wohnprojekte und Gemeinschaftsbüros. "Ich hoffe, sie verkaufen nicht das ganze Viertel, sondern lassen noch Platz für kleinere, kreative Gemeinschaftsprojekte", sagt Huib van der Gaag, der im Eye Museum arbeitet. "Noord verändert sich schnell, sehr schnell und ich finde das toll, wenn auch immer Touristen hier hin kommen."

100 Prozent nachhaltig

Eines dieser Bauprojekte ist das "De Ceuvel" – ein Café und ein Coworking-Space, der vor allem durch eins besticht: Nachhaltigkeit. Hier, wo heute Hipster Kaffee schlürfen und Kreative ihren Job machen, war vor etwas mehr als zehn Jahren noch das brach liegende Gelände einer alten Schiffswerft. Die Böden waren so vergiftet, dass nicht gebaut werden konnte. Die Stadt Amsterdam schrieb einen Wettbewerb für nachhaltige Nutzungskonzepte der alten Werft aus – und gewonnen hat das De Ceuvel. Das Konzept: Alte Hausboote wurden an Land gebracht, zu Büros umgebaut und auf Stelzen aufgestellt. So gibt es keinen Kontakt mit dem vergifteten Boden. Die Boote sind mit Holzstegen verbunden, darunter wachsen Pflanzen, die den Boden langsam aber sicher von Giftstoffen befreien. 

Aber das De Ceuvel kann noch viel mehr als nur bunt und romantisch aussehen – die Bürogemeinschaft produziert eigenen Strom, das Abwasser wird aufbereitet und genutzt und es wird kein Müll produziert. Im Café gibt es eine Biogasanlage, die die Küchenabfälle in Energie umwandelt. Tycho Hellinga ist der Projektkoordinator im De Ceuvel und zufrieden mit dem Erfolg seines Projekts: "Ich hoffe, wir können ein Beispiel sein, auch für andere Projekte in der Stadt. Denn Amsterdam muss nachhaltiger werden, sonst haben wir keine Zukunft."

Stand: 29.04.2019, 10:00