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"Wann" – ein Essay über die Zeit

"Wann – ein Versuch über die Zeit"

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Wann" – ein Essay über die Zeit

Von Nele Posthausen

Mit Philosophie, Physik, Musikwissenschaft, Soziologie und sogar Zen-Buddhismus versucht dieser Film unser Zeitgefühl neu zu erklären. Ein guter Abschluss für das Jahr 2020 – ein Jahr des Wartens.

"2020 – das sollte ein neues Schimpfwort werden", schreiben Leute im Netz. Das Jahr hat uns viel fluchen lassen und uns zu vielen Internet-Memes verholfen. Aber in 2020 hat sich auch unser Zeitgefühl verändert: "Die Zeit ist aus den Fugen. Und dieses Mal ganz anders. Im Frühjar 2020 drückt die Welt kurz die Stopp-Taste", so beschreibt Angelika Kellhammer dieses andere Zeitgefühl. Sie hat den Film "Wann – ein Versuch über die Zeit" gemacht. Stopp-Taste für den täglichen Weg zur Arbeit, Stopp für all unsere Kaffee-Dates, Stopp für volle Bahnen und Plätze und die Rush Hour.

Das getaktete Leben macht eine Pause

Wer in 2019 einen hektisches, komplett durchgetaktetes Leben hatte und sich schon brennend darauf freut, dieses in 2021 wieder in voller Fahrt aufzunehmen – bekommt im Film die passende Theorie dazu. Hartmut Rosa ist Soziologe an der Universität in Jena. Er deckt die drei Methoden des immer schneller werdenden Lebens auf: "Überall versprechen neuen Technologien Geschwindigkeitszuwächse – bis hin zum Powernap", erklärt Rosa im Film. "Also schneller handeln, verdichten, ist eine Weise. Das andere ist, wir versuchen die Pausen, die Leerzeiten zu vermeiden. Das sieht man auch daran, dass wenn wir an einer Bushaltestelle warten müssen, wir sofort anfangen, die Zeit zu nützen und auf das Smartphone zu schauen. Bloß kein Leerlauf dazwischen!" Und als dritte Methode, unsere eigene Zeit immer noch ein bisschen mehr zu dehnen, mehr in ihr zu schaffen, entlarvt Rosa schließlich das Multi-Tasking. Am besten alles schaffen. Zur gleichen Zeit. Wollen wir das?

"Wann – ein Versuch über die Zeit"

Nachdenken über die Zeit als Collage

Der Film ist mehr ein Essay, eine Collage von Thesen, Bildern und Sounds als eine Doku. Philosophie kommt vor, auch Physik, Musikwissenschaft und Religion. Ein Neurowissenschaftler legt nahe, dass der Mensch erst zum Menschen wird, weil er warten kann. Ein Soziologe erklärt den Klimawandel als Problem von gestauchter Zeit. Eine Zen-Meisterin belächelt Menschen, die glauben, das Nichtstun sei die einzige Form der Meditation. Diese Thesen müssen wir Zuschauer*innen zum Glück nicht alle komplett unterschreiben, damit der Film wertvoll ist. Vielleicht verstehen wir noch nicht einmal alle Ansätze der verschiedenen Disziplinen gleich gut. Stattdessen empfiehlt es sich "Wann – ein Versuch über die Zeit" als eine Art Video-Mindmap zu schauen. Die eigenen Gedanken währenddessen zu sortieren und vielleicht mit einem ganz neuen Zeitgefühl in das Jahr 2021 zu starten.

Stand: 30.12.2020, 08:00