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"Todo va a estar bien" - Szenen einer kaputten Ehe

Todo va estar bien: Andrea, die Tochter von Ruy und Julia

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Todo va a estar bien" - Szenen einer kaputten Ehe

Von Emily Thomey

Das Geheimnis einer glücklichen Ehe ist bis heute unbekannt. Auch das Pärchen aus der Netflix-Serie "Todo va a estar bien" hat es nicht entdeckt. 

Die Ehe von Julia und Ruy hat keine Chance mehr. Das macht „Todo va a estar bien“ von der ersten Sekunde an klar. Julia und ihr Noch-Ehemann Ruy im Familiengericht, um sich scheiden zu lassen. Für ein psychologisches Gutachten müssen sie erzählen, wieviel Sex-Partner sie hatten. Julia sagt: "Vier". Und der zwölf Jahre ältere Ruy meint: schwierige Frage…und kennt die Antwort nicht.

Die linksliberale Mittelschicht Mexikos wird beleuchtet

Julia und Ruy gehören der linksliberalen Mittelschicht von Mexiko an, aber tatsächlich ist ihre Beziehung ungleich. Ruy ist ein Radiojournalist, dessen Karriere sich langsam dem Ende zuneigt und der zu oft trinkt. Julia eine Grafikdesignerin, deren Agentur einen großen Auftrag von Nike erhalten hat und damit kurz vor dem Durchbruch ist. Sie hat eine Affäre mit dem Zahnarzt ihrer gemeinsamen Tochter Andrea. Und die ist der wahre Star der Serie: ein super cleveres Grundschulkind, das zum Beispiel ihr Spielzeug in der Schule gegen Gebühr verleiht.

"Alles wird gut werden"

Auf Deutsch heißt die Serie "Alles wird gut werden", aber bevor es dazu kommt, eskaliert die Situation erstmal. In diesen Momenten bietet "Todo va a estar bien2 das große Trennungsdrama: lauter Streit, Verdächtigungen und zerbrochenes Geschirr. Einen Tiefpunkt erreicht die Ehe von Julia und Ruy, als Ruy bei einer Diskussion zum Thema Feminismus im Radio teilnimmt. Er bezeichnet sich dort als feministischen Verbündeten. Aber eine Kollegin berichtet, dass er sie auf einer Party sexuell belästigt hat. Ruy verliert dann seinen Job beim Radio und geht zu einem Workshop für Männer, um an seinem Habitus zu arbeiten. In der Scheidung handelt er jedoch rücksichtslos und versucht mit einer Top-Anwältin das alleinige Sorgerecht für seine Tochter zu erstreiten.

Selbstbild und Fremdbild

In den Widersprüchen von Ruy spiegelt sich das Grundthema von „Todo va a estar bien“: Was passiert, wenn das Bild, das wir von uns haben, nicht mehr aufrechterhalten werden kann? Ruy, der linksliberale, selbsternannte Feminist, merkt, dass sein Verhalten übergriffig ist. Und Julia, die unabhängige Grafikdesignerin wird von ihrem coolen queeren Freundeskreis geschnitten, als sie für Nike arbeitet. Toll daran ist, dass Produzent Drehbuchautor Diego Luna uns vermittelt, dass man darüber nicht verzweifelt oder verbittert werden müssen. Sondern dass man diese Widersprüche aushalten kann und am Ende die Dinge dann doch irgendwie okay werden. Und das tut er mit einigem Charme: quirky eingerichteten Filmsets und einem Soundtrack voll mit mexikanischem Indie-Pop - auch ein Mexiko, das man nicht so oft sieht.

Stand: 27.08.2021, 06:00