"The African Desperate" - Protagonistin Palace wirft einen Luftkuss

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"The African Desperate" - Schein und Sein

Stand: 14.11.2022, 14:32 Uhr

"The African Desperate" ist ein einfühlsames Porträt von Rassismus und Ausbeutung im Kunstbetrieb.

Von Christian Werthschulte

 

Eigentlich ist der letzte Tag an der Uni, ein Grund zum Feiern. Aber Palace, der Hauptfigur aus "The African Desperate" ist nicht nach Party. Dabei hätte sie Grund genug dazu: Schon vor ihrer Abschlussprüfung ist sie auf die Biennale von Venedig eingeladen worden. Aber für die Mechanismen des Kunstmarkts interessiert sie sich nicht besonders. "Es gibt eine Menge Künstlerinnen deines Alters, deiner Generation und deiner Ethnizität, die Skulpturen wie deine machen. Womit willst du dich abgrenzen?", fragt eine ihrer Dozent:innen während der Abschlussprüfung. und Palace antwortet: "Ich habe noch keine Ahnung." Für ihre Prüfung hat Palace eine Rauminstallation mit dem Titel "The African Desperate" – "Die Afrikanische Verzweifelte" gemacht und nachdem sie ihr Kolloquium geschafft hat, bricht sie in Tränen aus.

"The African Desperate" schildert die letzten 24 Stunden von Palace an der Kunsthochschule. Das Semester ist zu Ende, es wird gefeiert. Palace will die Party eigentlich auslassen, lässt sich dann aber doch überreden. Und verbringt eine letzte Nacht mit ihren Freundinnen und Freunden. Leicht zugedröhnt tratschen sie über ihre Mitstudierenden: Wer täuscht eine falsche Herkunft vor, um interessanter zu wirken. Wer hat Probleme mit Drogen und Alkohol? Und vor allem: Wer schläft mit wem, bzw. tut es nicht mehr?

"The African Desperate" sind eigentlich zwei Filme in einem. Eine eine Parodie auf die Kunsthochschule: die Dozenten und Dozentinnen und ihre Mischung aus Arroganz und Kumpeligkeit die Studierenden und der Pseudointellektualismus, mit dem sie Neid und Konkurrenzdenken übertünchen. Und es ist ein einfühlsames, humorvolles Porträt von Palace, die die Kunstwelt als Schwarze Frau erfolgreich navigiert und trotzdem wegen ihrer Depression immer wieder an Grenzen stößt. Die vermeintlich liberale Kunsthochschulwelt ist in "The African Desperate" durchzogen von subtilem Rassismus und Klassismus.

 "The African Desperate" ist der erste Spielfilm der Schwarzen, US-amerikanischen Künstlerin Martine Syms. In ihren Multimedia-Collagen beschäftigt sie sich mit Fragen Schwarzer, Queerer Identität, "The African Desperate" ist geprägt von ihrer Zeit am Bard College, einer elitären Kunsthochschule in der Nähe von New York. Dem Film merkt man seine Herkunft im Kunstkontext an: Die Farben sind verfremdet, Syms spielt mit Videoformaten Make-Up-Tutorials, die man eher aus Social Media kennt. Auch die Dialoge sind spontan und improvisiert, der Soundtrack bestückt mit Art-School-Global-Bass. Aber unter der stylishen Filmdesign ist "The African Desperate" ein empathisches Porträt der Entfremdung von einem Kunstbetrieb, der seine Ausbeutungsmechanismen mit Liberalität überspielt.