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"Stadt ohne Morgen" - Berlin schläft nie!

Stadt ohne Morgen

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Stadt ohne Morgen" - Berlin schläft nie!

Von Emily Thomey

Eigentlich gilt New York City als die Stadt, die niemals schläft. Hier in Europa ist aber Berlin berühmt dafür, dass keine Sperrstunde existiert und Clubs oder Bars 24 Stunden geöffnet sein können. Wer will, kann die Nacht zum Tag machen oder viele Tage und Nächte am Stück durchtanzen. Bis Corona kam.

Seit März sind die Clubs in Berlin geschlossen. Ein großer kultureller und auch wirtschaftlicher Verlust. Die Dokumentation "Stadt ohne Morgen" zeigt uns, was genau da eigentlich verloren geht.

Für die Clubbesucher*innen bedeutet die fehlende Sperrstunde, dass sie selbst entscheiden können, ob sie um vier, fünf oder sechs Uhr morgens oder vielleicht erst nachmittags nach Hause gehen wollen. Und genauso können sie auch zu jeder Uhrzeit entscheiden, tanzen zu gehen. Das ist gerade auch für ältere Leute wie Ben Backmann entscheidend: "Wenn ich in der Schlange stehe, zum Beispiel vorm Berghain, dann bin ich nicht der einzige, der erzählt, wie er gerade noch seine Kinder ins Bett gebracht hat. Und das ist schon was Besonderes. Man hat dadurch eine ganz tolle Vielfalt in den Clubs selbst. Also ganz unterschiedliche Leute, mit ganz unterschiedlichen Leben eigentlich."

Diese Vielfalt betonen sämtliche DJs, Clubbetreiber*innen und Promoter,*innen die die Filmermacher*innen für die Doku treffen. Und dafür ist Berlin auch international berühmt geworden. Ohne Sperrstunde verändert sich auch die Arbeit derjenigen, die hinter den Kulissen und DJ-Decks die Clubs betreiben. Dadurch, dass es viel mehr Fläche gibt, die bespielt werden kann, können die Programmmacher*innen viel mutiger sein, sagt die DJ und Promoterin Linnea Palmestal: "Du kannst viel kreativer sein und über eine lange Strecke die Atmosphäre und bestimmte Vibes aufbauen, wenn du für mehr als ein paar Stunden das Programm zusammenstellen kannst", sagt sie.

Stadt ohne Morgen

Das bedeutet auch für DJs-Sets eine ganz andere Dynamik. DJs sind es oft nicht gewohnt länger als zwei bis drei Stunden aufzulegen und in Berlin haben sie dann die Chance mit ihrer Kunst ganz andere Sachen auszuprobieren, was auch eine ziemliche Herausforderung sein kann, so Naimah Fowler, die selbst DJ und Veranstalterin ist.

Jetzt sind die Clubs seit Monaten geschlossen. Die Doku wurde von der Club Commission Berlin beauftragt. Der Verein setzt sich für die Berliner Clublandschaft ein und macht mit dem Film darauf aufmerksam, wie wichtig die Szene für die Stadt ist. Pamela Schobess ist Vorsitzende der Club Commission: "Clubkultur führt sehr viele unterschiedliche Kulturen zusammen. Gerade in der heutigen Zeit, wo wir diesen extremen Rechtsruck erleben, finde ich es unheimliche wichtig, dass man wirklich alles nutzt, was für Offenheit und Toleranz steht und Clubkultur steht für Offenheit und Toleranz."

Umso wichtiger wird es sein, dass die Szene in Berlin jetzt unterstützt wird, damit die Clubs irgendwann auch wieder öffnen können und wir wieder nächte- und tagelang ohne Sperrstunde tanzen gehen können. Die Doku "Stadt ohne Morgen" ist eine Hommage an das Nachtleben Berlins und weckt die Sehnsucht danach.

Stand: 14.08.2020, 06:00