Slahi und seine Folterer

Mohamedou Ould Salahi auf dem Dach eines Hauses

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Slahi und seine Folterer

Von Emily Thomey

14 Jahre Guantanamo ohne Anklage, Folter und dann doch Freispruch. Trotzdem will Mohamedou Slahi seine Folterer treffen und ihnen vergeben. Wie das geht, erzählt eine sehenswerte ARD-Dokumentation.

Guantanamo ist ähnlich wie 9/11 ein Kürzel geworden für Schrecken und Grausamkeit, die Terrorismus und der so genannte "Krieg gegen den Terror" mit sich gebracht haben. In Guantanamo wurde gefoltert. Noch ist das Gefängnis nicht geschlossen. Einer derjenigen, die dort gefoltert wurden und dessen Geschichte weltweit immer bekannter wird ist Mohamedou Slahi. Er saß 14 Jahre in dem Gefängnis auf Kuba - ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren. Letztlich wurde er freigesprochen. Slahis Geschichte wurde mit Stars wie Jodie Foster verfilmt. In "Slahi und seine Folterer" will der Gefolterte seine Peiniger treffen. Aber warum? Die einfache Antwort ist: Es ist seine Form der Rache. Die komplexere Antwort ist, dass Slahi seinen Folterern vergibt, wie er sagt: "Die beste Form von Rache ist Vergebung. Sie gibt mir die Kontrolle zurück. Niemand muss das gutheißen. Ich brauche keinen Anwalt dafür. Ich brauche nichts weiter. Es ist einzig meine Entscheidung."

Also machen sich die zwei investigativen Journalisten mit Slahis Hilfe auf die Suche. Sie nutzen das Buch, welches Slahi geschrieben hat, was zu einem Bestseller geworden ist und es ist wirklich nicht leicht, weil die Namen der Beteiligten alle unter Verschluss sind. Aber je näher die Veröffentlichung des Spielfilms über Slahis Fall rückt, desto mehr Beteiligte melden sich - ganz offenbar hat so ein Spielfilm noch eine größere Wirkung als das Buch von Slahi.

Die Folterer sind sehr unterschiedlich

Ein Wächter ist sehr offen und spricht über seine eigene Rolle voller Scham und Reue, möchte sich entschuldigen. Ein anderer, mit dem Spitznamen Mr. X, zeigt auch Reue, glaubt aber weiterhin, dass Slahi ein Feind der USA ist. Mr. X hat Slahi so gefoltert, dass er zweimal fast gestorben wäre - trotzdem würde Slahi ihn in sein Haus einladen. "Auf jeden Fall. Ich würde ihn als mein Gast behandelen." sagt Slahi. Aber umarmen würde er ihn nicht, nur die Hand geben. Es zeigen nicht alle Reue. Eine Analystin ist weiterhin überzeugt, dass Slahi schuldig ist, egal wie viele offiziellen Berichte seine Unschuld bezeugen. Auch die Dokumentaristen können natürlich nicht belegen, ob Slahi tatsächlich schuldig ist - das ist aber auch nicht ihr Ziel.

Sie erreichen eines ihrer Ziele, Slahi und die Folterer zusammen zu bringen, aber das ist nur eine der Stärken der Doku. Sie hat etwas von einem Krimi, ohne die Täter als Bösewichte darzustellen - im Gegenteil, ihr seht sie als Menschen in ihrer Verletzlichkeit, wie gebrochen sie durch ihre Taten sind, oder in ihren sturen Rechtfertigungsreden, manche springen sogar auf und beenden den Kontakt bevor sie Slahi selbst treffen. Und ihr seht diesen ruhigen, freundlichen Mann, der all das durchgemacht hat, seine eigene Agenda verfolgt und die auch offen formuliert. Die Dokumentation zeigt die menschliche Seite eines unmenschlichen Systems, welches die US-Regierung mit dem sogenannten "Krieg gegen den Terror" aufgestellt hat und dass es Fragen gibt, die niemand beantworten wird: beispielsweise, ob Slahi unschuldig ist. Für mich eine der wichtigsten Veröffentlichungen zum Jahrestag des 11. Septembers.

Stand: 10.09.2021, 17:08