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Olaf Hiort zeichnet auf einer Scheibe Linien mit mehreren Abzweigungen; Er forscht zur Geschlechtsentwicklung und sagt "Es gibt eine wesentlich größere Vielfalt der Geschlechter als nur das der Männer und das der Frauen"

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Ein, zwei, viele Geschlechter

Stand: 29.07.2022, 09:58 Uhr

Es braucht nicht viel, um eine zivilisierte Unterhaltung zum Entgleisen zu bringen. Meistens reicht es, über Sex zu reden. Beziehungsweise über das, was Sex nicht ist: Gender.

Von Christian Werthschulte

So stark wie die Meinungen bei diesem Thema sind, so wenig fundiert sind sie auch oft. Eine neue Arte-Doku kann zumindest Letzteres ändern. "Sex und Identität: Eine diverse Geschichte", heißt sie. Beim Anschauen lernt man erst mal eine Menge Begriffe von der Journalistin Rebecca Jäger. Sie erklärt mit Engelsgeduld die verschiedenen Formen der Geschlechtsidentität zwischen und außerhalb der Bipolarität und unterscheidet fein zwischen Geschlecht und Geschlechtsäußerung. Denn die Doku vertritt die These, dass die Begriffe "männlich" und "weiblich" nicht ausreichen, um die Komplexität der verschiedenen Ebenen von Geschlecht zu erfassen.

Unterstützung erhält sie dabei aus den Naturwissenschaften. Das macht die Neuropsychologin Anelis Kaiser deutlich. Sie hat herausgefunden, wie soziale Stereotypen wieder auf die Hirnaktivität zurückwirken, sich also soziales und biologisches Geschlecht vermischen. Außerdem hat sie festgestellt, dass es bei der Sprachverarbeitung innerhalb eines Geschlechts weitaus mehr Unterschiede gibt als zwischen  Mann und Frau. Und deshalb sagt sie über unsere Vorstellungen von Geschlecht: "Es geht bei mir nicht um die völlige Überwindung, sondern um das Aufzeigen von Alternativen und die Brüchigkeit auch von dieser angeblichen Binärität.Auch der Genetikforscher Olaf Hiort meint, dass man über Geschlecht besser als Spektrum spricht, weil dies die Beziehung von männlichen und weiblichen DNA-Anteilen im Körper besser beschreibt.

Neben den Exkursionen in Theorie und Wissenschaft zeigt "Sex und Identität: Eine diverse Geschichte" jedoch, wie sich die Erkenntnisse im Alltag von Menschen niederschlagen. So wie Alistair aus Lyon, der mittlerweile als Mann lebt, aber zum Beispiel die eher weiblichen Hormone in seinem Körper nicht mit einer Behandlung verändert hat. Aber auch Kritiker dieser Positionen kommen zu Wort. "Sex und Identität" ist eine ausgewogene, gut erklärte Doku, die vollkommen bedenkenlos in der Familien-WhatsApp-Gruppe gepostet werden kann. Wenn schon Streit, dann wenigstens gut informiert.