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Arbeiten am "Severance Floor" (von links): Tramell Tillman, Zach Cherry, John Turturro, Britt Lower und Adam Scott.

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Severance" - Serie über die Work Life Balance Hölle

Stand: 25.02.2022, 09:00 Uhr

In der Science-Fiction-Thrillerserie "Severance" lassen sich Menschen eine Chip implantieren, der ihr Leben in Arbeits-Ich und Freizeit-Ich teilt. Mit fatalen Konsequenzen.

Von Emily Thomey

Die Work Life Balance ist durch Corona völlig aus dem Runder gelaufen. Wer weiß eigentlich noch, wie es sich vorher angefühlt hat? Wie war es jeden Tag das Haus zu verlassen, um arbeiten zu gehen? Wie fühlt es sich an, am Küchentisch zu sitzen und nicht gleichzeitig zu essen und die Mails zu checken? Wie können wir das je wieder trennen: Arbeiten und Freizeit?

Die neue Apple-TV+ Serie "Severance", was übersetzt Trennung bedeutet, spielt durch, wie es sein könnte, wenn wir während der Arbeit keine Erinnerung an unser sonstiges Leben hätten. Und umgekehrt: Im sonstigen Leben nichts von dem wüßten, was wir bei der Arbeit machen. Die Angestellten des Konzerns Lumon Industries haben einen Chip in den Kopf implantiert bekommen - angeblich alle freiwillig, der ihr Arbeits-Ich, auch "Innie" genannt, und das Freizeit-Ich, den "Outtie", von einander trennt. Hauptfigur Mark S. ist so ein Angestellter und wird hier von Bekannten gefragt, ob er nicht ständig an sein anderes Ich denken müsse. Ein anderer Bekannter beschreibt das Arbeits-Ich als gefangen und da wird im Unterton der Diskussion deutlich wie kontrovers das Severance-Verfahren gesehen wird. Eine Gegenbewegung verteilt sogar Flyer auf der Straße und viele Menschen sind so wie die Bekannten von Mark skeptisch, ob es so sinnvoll ist, sein Ich so zu teilen.

Durchkomponierte kühl-saubere Dystopie

Mark selbst ist total deprimiert - allerdings vor allem, weil er um seine verstorbene Frau trauert und entsprechend begegnet er allen Umständen mit einer melancholisch-nüchternen Ruhe. Auch wenn seine neue Kollegin ständig panisch aber erfolglos versucht aus dem Büro zu fliehen und seine anderen beiden Kollegen sich über nicht eingehaltene Regeln beklagen. Bis ihn dann eines Tages ein Mann anspricht, vor dem Konzern warnt und sagt, er sei ein geflohener Kollege, sein Wissen solle bei Mark gut aufgehoben sein, weil der sein bester Freund sei. Mark hat, weil gerade nicht bei der Arbeit, keine Erinnerung an jenen Kollegen, beginnt aber dann zu recherchieren.

Unterstrichen wird die Dystopie - unter anderem von Ben Stiller erfunden - durch blau-grüne Farben, kühle, sauber durchkomponierte Bilder und Räume und einer Stimmung, die sich von Drama Richtung Thriller zuspitzt. Natürlich ist "Severance" ein kritischer Kommentar zu der aktuellen neoliberalen von Arbeit dominierten Lebensweise in westlichen Industrieländern, in denen Frustration und Burnout zum Alltag vieler Menschen gehören. Die Serie gibt keine einfachen Antworten und fasziniert durch die großartige Besetzung und beeindruckend konsequente Ästhetik. Mehr Seriengespräche in Glotz und Gloria, dem Serienpodcast von WDR COSMO.