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"Roads" - Wie ein Fluchtdrama zum Buddy-Roadtrip wird

William (Stéphane Bak, li.) und Gyllen (Fionn Whitehead), Filmszene aus Roads

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Roads" - Wie ein Fluchtdrama zum Buddy-Roadtrip wird

Von Emily Thomey

Der Film "Viktoria" war eine Wucht: Ganz ohne Schnitt kommt der Film aus. In einem Take durchgefilmt, zeigt der Regisseur Sebastian Schipper das Leben der jungen Viktoria in Berlin für eine Nacht bis ins Morgengrauen. Ein filmisch und schauspielerisches Wagnis, das Schipper und seinem Team gelungen ist. Jetzt ist der neue Film "Roads" von Sebastian Schipper im Netz zu sehen. Es geht um einen Kongolesen und einen Franzosen, die zusammen einen Roadtrip machen.

Da der Kongolese William darin auf der Flucht ist, passt Roadtrip als Beschreibung sehr gut: William und der Franzose Gyllen treffen sich zufällig in Marokko. William will nach Frankreich, um seinen verschollenen Bruder wieder zu finden. Gyllen macht Urlaub mit seiner Familie - eigentlich wollten sie die Wüste kennenlernen, erzählt er. In Marokko war die Familie dann aber die ganze Zeit nur im Hotel. Am Pool des Hotels betrinkt sich Gyllen, springt singend in den Pool und bekommt Hausarrest. Statt den auszusitzen, haut er mit dem Camper des neuen Mannes von Gyllens Mutter ab.

William steigt bei ihm ein und so machen die beiden Teenager einen Roadtrip, auf dem sie vor allem Spaß haben und langsam Freunde werden. Sebastian Schipper verzichtet also völlig auf die Dramen der Flucht, die für schon so viele Filme der optimale Stoff für eine spannungsreiche Geschichte waren.

Genau das macht den Film so gut. Er bricht mit allen Erwartungen, die wir haben, wenn wir hören, das es auch um einen Geflüchteten geht. Statt von den Traumata einer Flucht zu erzählen, geht es in "Roads" um die unmögliche Freundschaft der beiden. Und darum, dass der Franzosen Gyllen viel verlorener, einsamer und haltloser ist, als der Kongolese William. Die beiden brauchen einander: Während Gyllen aus seinem einsamen Leben fliehen will, findet er Halt und Geborgenheit bei William, der in Gyllen jemanden gefunden hat, der ihm helfen kann, nach Frankreich zu kommen.

Die Freundschaft und vor allem die fehlenden Dramen auf dem Roadtrip haben vor allem angesichts der realen Fluchttragödien vor den Küsten Europas schon etwas Utopisches. Es ist klar, dass sie keine Zukunft zusammen haben und die Privilegien deutlich zu Gyllens Gunsten liegen. Aber Gyllens innere Zerrissenheit und Williams Stärke und Bestimmtheit sind sehr überzeugend und berührend gespielt. Das glücklichere Leben ist eben auch nicht in Europa garantiert. Das zumindest macht der Film "Roads" deutlich.

Stand: 29.11.2019, 09:00