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"Radiograph Of A Family" – Geschichte des Iran im Spiegel einer Familie

Radiograph Of A Family

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Radiograph Of A Family" – Geschichte des Iran im Spiegel einer Familie

Von Emily Thomey

Der preisgekrönte Dokumentarfilm "Radiograph Of A Family" ist außergewöhnlich gut gemacht, obwohl er fast nur aus Fotos besteht. Poetisch und leichtfüssig verbindet die Filmemacherin die Konflikte ihrer Familie mit der des Iran.

Es gibt vermutlich kaum etwas komplizierteres als einen Film über die eigene Geschichte und die der Eltern zu drehen. So tief drin, so wenig Abstand. Was erzählt man, ohne jemanden vielleicht zu verletzen oder zu viel preiszugeben? Die iranische Filmemacherin Firouzeh Khosrovani hat trotzdem einen Dokumentarfilm über die Liebesgeschichte ihrer Eltern und ihre eigene Kindheit gemacht. Ihr könnt den Film "Radiograph Of A Family" (Röntgenbild einer Familie) jetzt gerade auf dem Iranischen Filmfestival online sehen - und der Film ist preisgekrönt. Zu Recht.

Khosrovani nutzt wirklich außergewöhnliche und sehr interessante formale Mittel, die direkt eine gewisse Distanz mit sich bringen: Sie zeigt uns in aller erster Linie nur Fotos von ihren Eltern und deren Familien, was auch zu der Liebesgeschichte passt. Ihre Mutter habe das Foto ihres Vaters geheiratet, sagt Khosrovani an einer Stelle, was auch tatsächlich stimmt, weil der Vater in der Schweiz, in Genf studierte und die beiden sich erst nach der Hochzeit wieder trafen.

Radiograph Of A Family

Neben den Fotos aus der Vergangenheit hören wir die Filmemacherin als Erzählerin und rekonstruierte, nachgestellte Gespräche der Eltern - zum Beispiel als sie sich gemeinsam Fotos ihrer jeweiligen Vergangenheit im Iran anschauen. "Das ist im Iran", sagt die Stimme der Mutter ungläubig, sie dachte das sei in Europa. Wir sehen Frauen in Badeanzügen und ohne Kopftücher im Wasser. "Ja, das sind meine Cousinen, die wirst du auch noch kennenlernen", sagt der Vater und die Mutter hält fest, dass die beiden wie in zwei unterschiedlichen Version des Irans aufgewachsen sind. Er in einer weltlichen Familie, sie in einer religiösen.

Das bietet natürlich viel Raum für Spannungen und Konflikte. Die Mutter der Filmemacherin wird im Laufe ihres Lebens streng religiös, wird Anhängerin des religiösen Gelehrten Schariati und später sogar Aktivistin in der Iranischen Revolution. Im Krieg nahm die Mutter an militärischen Trainings teil. Der Vater war traurig darüber, und wenn jemand nach ihr fragte, sagte er, sie sei auf einem Trip. Dazu sehen wir Archivmaterial aus der Zeit vor und während der Revolution, aus Genf und Teheran von den Demonstrationen, aus den militärischen Trainings. Und immer wieder die Wohnung der Eltern in Teheran, die auch Abbild der Auseinandersetzung ist - zu weltliche, anstößige Bilder werden von der Mutter abgehängt, der Vater soll keine klassische Musik mehr hören.

Die Filmemacherin selbst hat immer zwischen den beiden gestanden, versucht zu schlichten oder hat als Kind angefangen zu singen, um von Streitthemen abzulenken. Ihr ist es unglaublich gut gelungen ein intimes Porträt der Eltern und ihrer Kindheit zu zeichnen und gleichzeitig spiegelt sie damit die Geschichte und die Konflikte ihres Heimatlandes Iran. Der Dokumentarfilm ist aber auch eine Hommage an den Vater und eine kritische aber liebevolle Auseinandersetzung mit der Mutter. Außergewöhnlich und sehr sehenswert.

Stand: 09.06.2021, 11:03