Raus aus der Nische - "Queer Cinema"

Ein Mann mit blond gefärbten Haaren sitzt vor einem Hochhausblock

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Raus aus der Nische - "Queer Cinema"

Von Christian Werthschulte

Ein Dokumentarfilm zeigt die Geschichte des queeren Films in Deutschland.

Heute kommt es einem ja fast schon alltäglich vor, dass wir queere Figuren in Serien oder Filmen sehen. Dass das aber kein neues Phänomen ist, zeigt der Dokumentarfilm "Queer Cinema" über den queeren Film in Deutschland. Die Geschichte des queeren Films in Deutschland beginnt vor über 100 Jahren.

Lange Tradition

1919 wurde "Anders als die Andern" veröffentlicht, ein Stummfilm über die Liebe zwischen einem Violinlehrer und seinem erwachsenen Schüler. Mitgespielt hat darin auch der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Er wollte damit erreichen, dass Homosexualität endlich legalisiert wird. Das war auch das Ziel des vielleicht bekanntesten schwulen deutschen Films: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von 1971. Rosa von Praunheims Porträt der schwulen Szene spielt bewusst mit Klischees: "Ich wollte Schwule konfrontieren", sagt der Regisseur heute, und "Ihr müsst euch wehren, ihr müsst offen sein, ihr müsst aufstehen." Und das passierte auch in den ersten Diskussionen nach dem Film, dass Schwule sagten: "Ne, so sind wir nicht. Du hast einen Scheißfilm gemacht." Aber der Film war erst der Anfang einer langen politischen Auseinandersetzung. Erst 1994 wurde Homosexualität in Deutschland dann entkriminalisiert.

Lesbische Frauen und PoCs im Film

Fast genau so lang dauerte es auch, bis lesbische Frauen etwas häufiger in Filmen zu sehen waren. Das ist vor allem ein Verdienst der Regisseurin Angelina Maccarone, die viele Fernsehfilme über lesbische Frauen gedreht hat. "Alles wird gut" von 1998, lief damals sogar in der ARD. Die Geschichte einer Schwarzen Deutschen Verkäuferin, die sich in eine Weiße verliebt. "N****kuss, ich fasse es nicht", sagt sie zu einer Kundin. "Also, sie bestellen jetzt schön einen Schokokuss, ansonsten gibt’s hier gar nichts." Kurz darauf wird sie gefeuert.
Aber weil der Film eine Komödie ist, hatte "Alles wird gut" auch ein Happy End, war also kein "Problemfilm". Das war wegweisend, vor allem, weil auch people of color mitspielen. Die hatten in queren deutschen Filmen lange nur Nebenrollen. Erst "Futur Drei" von Faraz Shariat hat dann letztes Jahr das Leben von queeren PoCs in Deutschland in den Vordergrund gestellt. Und das ist auch gar nicht so unwichtig, denn schließlich sollen sich queere Menschen in diesen Filmen ja auch wiederfinden. Und zwar genauso divers wie sie in der Realität sind.

"Romeos"

Der Film “Romeos” von 2011 war zum Beispiel der erste Mainstream-Film, der das Thema Trans*identität in den Vordergrund gestellt hat. Hauptdarsteller Rick Okon hat noch Jahre später Post bekommen, in der Menschen ihm danken. Dank des Films hätten sie die Kraft gehabt, sich zu ihrer Trans*identität zu bekennen. Etwas anders sah das allerdings die FSK, die die Alterseinstufungen für Filme vornimmt. Sie wollte den Film erst ab sechzehn freigeben. Begründung: Er könne bei Jugendlichen zu einer "Desorientierung bei der sexuellen Selbstfindung führen". Schließlich musste sie dann aber nachgeben und "Romeos" wurde ab zwölf Jahren freigegeben.
Heute ist er wie viele andere queere Klassiker kommerziell erhältlich - entweder als DVD oder als Stream. Von "Anders als die andern", dem ersten queeren Film, ist allerdings nur noch ein Fragment erhalten. Dafür könnt ihr im Moment Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." kostenfrei in der ARD-Mediathek streamen.

Stand: 16.07.2021, 11:46