"Pre-Drink" - Kurzfilm über die Ambivalenz einer jungen Trans*person

Pre Drink Videostill aus dem Film - Carl und Alexe trinken zusammen lachend Rotwein

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"Pre-Drink" - Kurzfilm über die Ambivalenz einer jungen Trans*person

Von Christian Werthschulte

Trans*personen haben mittlerweile einen festen Platz in unseren Medien. Oft geht es dabei aber nur um Themen, die die spezifischen Probleme ihrer Identität angehen. Im Kurzfilm "Pre-Drink" hat eine Trans*person das typische Problem einer jungen Erwachsenen.

Im Mittelpunkt stehen zwei beste Freunde: Carl und Alexe. Carl ist schwul. Alexe ist trans*. Sie kennen sich seit 17 Jahren und erzählen sich alles – zum Beispiel Details über John, den Typen, mit dem sowohl Carl als auch Alexe geschlafen haben. „Ich kann es dir nicht übelnehmen, John ist wirklich heiß.“, sagt Alexe, als sie in ihrem Zimmer auf dem großen Bett sitzt, in der Hand eine Champagneflasche. Ihr Zimmer ist der einzige Schauplatz des Films. Carl und Alexe treffen sich dort, bevor die in eine Bar weiterziehen wollen, wo zwei Freunde auf sie warten. Sie haben einen "Pre-Drink", sie glühen vor.

Vorglühen

Dieses Vorglühen ist aber etwas außergewöhnlich. Carl und Alexe kommen auf die Idee, miteinander Sex zu haben, wie er unter guten Freunden manchmal vorkommt:zwanglos und ohne Konsequenzen – zumindest in der Theorie. In der Praxis ist das alles etwas komplizierter, denn Alexe fängt an zu zweifeln. Carl will sie überreden. "Komm schon, wir sind keine Kinder mehr. Wir sind Freunde, haben was getrunken", sagt er. "Ich meine, jetzt mal ehrlich. Ich bin überrascht, dass es nicht schon vorher passiert ist."

Freundschaft Plus

Die beiden haben also Sex und da zeigen sich die Fähigkeiten des franko-kanadischen Regisseurs Marc-Antoine Lemire. Es verzichtet auf Dialog. Die Kamera schwenkt auf das Gesicht von Alexe, und in diesem Gesicht liegt sehr viel Ambivalenz. Einerseits genießt sie die Szene, andererseits sieht man ihr an, dass sie nicht glücklich ist mit der Situation. Und diese Zwiespältigkeit setzt sich auch danach fort. Carl ist unbekümmert und will in die Bar, Alexe setzt ein falsches Lächeln auf und kommt mit.

Ein zwiespältiges Gefühl

Regisseur Marc-Antoine Lemire sagt, er wollte einen Film über Trans*personen drehen, in dem es nicht explizit um Trans*-Themen geht. Drei Jahre vor Drehbeginn hat er sich mit Pascale Drevillon, der Darstellerin von Alexe, getroffen. Er wollte den Bedürfnissen von Trans*menschen gerecht werden, sagt Lemire. "Pre-Drink" behandelt die Trans*identität von Alexe sehr subtil. In erster Linie ist es ein Kurzfilm darüber, wie man von einem guten Freund enttäuscht wird. Denn für Carl ist der Sex albern, zwanglos, eine Art Schnapsidee. Für Alexe hat das alles viel mehr Bedeutung: Sie ist unsicher, was ihren "neuen" Körper angeht. Und diesen Konflikt zeigt "Pre-Drink" ohne übertriebene Dramatik, sondern mit viel Einfühlungsvermögen und Intimität. Und dafür ist "Pre-Drink" ja auch ausgezeichnet worden, etwa mit dem Preis für den besten kanadischen Kurzfilm beim Toronto International Film Festival.

Stand: 12.07.2019, 06:00