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"Postcards From London" – Schwulenszene meets Kunstgeschichte

Postcards From London

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Postcards From London" – Schwulenszene meets Kunstgeschichte

Von Emily Thomey

Der Spielfilm "Postcards From London" ist eine Hommage an die Schwulenszene in Soho und zitiert stylish, theatral sämtliche große Meister*innen der Kunstgeschichte und Literatur.

In jeder Großstadt gibt es diese Viertel, die berühmt geworden sind für ihren künstlerischen Flair. In denen Bildende Künstler*innen, Autor*innen oder Musiker*innen leben, ihre Ateliers und Proberäume haben. Irgendwann lesen wir dann in Stadtführern davon, wie toll beispielsweise Montmatre ist und dass hier große Künstler wie Renoir oder Van Gogh gelebt haben. In Berlin ist das gerade vielleicht noch Neukölln oder schon Wedding. In London ist Soho so ein Viertel. In Soho spielt der Film "Postcards From London", den ihr jetzt in der ARD-Mediathek sehen könnt.

"Postcards From London" ist eine Hommage an die Schwulenszene Sohos und dreht sich vor allem um den krass gut aussehenden Jim, der als junger Mann hierher kommt, um die Welt zu entdecken. Jugendlich naiv wird er direkt in der ersten Nacht ausgeraubt, aber er macht auch erste Bekanntschaften, die ihm helfen wollen, Geld zu verdienen. Jim stellt sich eigentlich etwas Kreatives vor, sagt er, und seine Kumpel preisen ihren Job als Sexarbeiter als kreativ an, weil auch Keanu Reeves oder River Phoenix schon Sexarbeiter gespielt hätten. Außerdem sind ihre Kunden vor allem ältere, gebildete Herren.

Die neuen Kumpels von Jim zeigen ihm, dass es um viel mehr geht als Sex: Er muss sich in die Kunstgeschichten einarbeiten, große Poet*innen kennen, damit er vor allem die Unterhaltung nach dem Akt anregend gestalten kann. Jim geht alles leicht von der Hand, allerdings wird er immer ohnmächtig, wenn er große Meisterwerke sieht - diagnostiziert wird das sogenannte Stendhal Syndrom. Das Syndrom sei eine seltene Krankheit, bei dem manche Menschen, wenn sie große Kunst sehen, schwindelig wird, sie halluzinieren oder sogar Blackouts haben.

Ob das Syndrom einer medizinischen Prüfung standhält, wird bezweifelt, aber es passt in die Geschichte des Films, um zu zeigen, dass Jim ein sensibler, kunstaffiner Mensch ist. Er fällt nicht nur in Ohnmacht, sondern fantasiert sich sogar in die Bilder hinein, die er betrachtet, was dann im Film als Tableau Vivant inszeniert wird. Tableaux Vivants nennt man mit lebenden Menschen nachgestellte Bilder oder Skulpturen - was letztlich ein eigenes künstlerisches Genre ist, zwischen Kunst und Theater.

Der ganze Film ist im Studio mit Kulissen und künstlichem Licht gedreht, was jeder Szene einen theatralen Touch gibt. Und Tableaux Vivants tauchen quasi ständig auf - auch in anderen Szenen, wenn Jim in einer Kneipe sitzt und im Hintergrund eine Gruppe von Männern in Matrosenoutfits um den Billardtisch gruppiert ist, sich aber nicht bewegt. Das ist auch das, was ich an dem Film interessant finde: Die unfassbar vielen Referenzen auf Kunst und Literatur, die überspitzte Inszenierung der Kulisse und Schauspieler. Der Film ist eine Hommage an Soho, an Sexarbeiter*innen und vor allem eben an die Künstler*innen und Literat*innen, die hier ständig zitiert werden. Die Handlung ist dabei nebensächlich.

Stand: 06.08.2021, 06:00