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Wie unsicher ist das Leben in Europa?

Gelbwesten-Proteste in Paris, 30.03.2019

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Wie unsicher ist das Leben in Europa?

Von Emily Thomey

Die Gelbwesten in Frankreich, Demonstrant*innen in Spanien, die soziale Gerechtigkeit fordern, aber auch AFD-Wähler*innen in Deutschland haben eines gemeinsam: Sie haben Angst um ihre Zukunft. Woher kommt diese Angst?

Die beiden Filmemacher Karin de Miguel Wessendorf und Valentin Thurn sind durch ganz Europa gereist - von Frankreich, nach Schweden, von Finnland nach Deutschland. In allen Ländern haben sie Menschen getroffen, die Angst haben - vor allem um ihren Job. Sie gehören zum sogenannten Prekariat. Eine sperrige Schublade, in die aber mittlerweile rund ein Drittel aller Beschäftigten in Europa gehören.

Prekär zu leben, bedeutet einfach ausgedrückt nichts anderes als unsicher zu leben. Das hat aber ganz gravierende Folgen, so der Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing: "Sie haben nur noch befristete Arbeit, Gelegenheitsjobs aber noch schlimmer ist, dass sie sich mit ihrer Arbeit nicht identifizieren können. Sie finden keine Identität, über die sie ihre Lebensziele identifizieren könnten. Das ergibt eine existenzielle Unsicherheit. Du findest keinen Sinn mehr in deinem Leben."

Ganz konkret leben all die Menschen prekär - also unsicher -, die nicht wissen, wie lange sie noch ihren Job machen können. Wieviel sie im nächsten Monat verdienen werden. Und langfristig gesehen, ob sie bald vielleicht nicht mehr kranken- oder rentenversichert sind. Ein Trend, der auf allen Arbeitsmärkten in Europa zu finden ist.

Woran das liegt, ist uns bekannt: Seit Jahren steigen die Löhne nicht, und es gibt immer mehr Zeit- und Leiharbeitsjobs. Was die Menschen, denen es so ergeht machen, erzählt die Doku: Die französische Putzfrau glaubt mittlerweile den Rechtspopulisten vom Front National und sucht die Schuld bei den Migrant*innen. Der deutsche Schlosser hat sich mit seinen Kolleg*innen zusammengetan und erfolgreich gestreikt - seine Gießerei gibt es weiterhin.

Ohne Organisation auch keine Rechte

Die spanische Kurierfahrerin Nuria Soto hat eine eigene Kurier-Kooperative gegründet, um nicht mehr von den Plattform-Lieferdiensten wie Deliveroo abhängig zu sein. Und: Sie ziehen vor Gericht, erzählt Nuria Soto: "Wenn du als Selbstständiger deine Sozialabgaben nicht korrekt zahlst, bekommst du sofort Probleme. Aber diese Unternehmen haben seit Jahren Millionen und Abermillionen an Steuern hinterzogen und es ist noch nichts passiert." Weil die Unternehmen nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, dass sie ihre Kurierfahrer*innen als Scheinselbstständige beschäftigen.

Das EU-Parlament hat 2019 eine Richtlinie zur Arbeitsmarktsicherheit verabschiedet. "Da steht zum Beispiel so etwas drin wie, dass Leiharbeitskräfte in ganz Europa nicht schlechter bezahlt werden dürfen als die Stammbelegschaft. Oder dass befristete Arbeitsverträge nach sechs Monaten zu unbefristeten Arbeitsverträgen werden sollten,"   erläutert die Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena, die Richtlinie.

Aber um solche Rechte dann auch durchzusetzen, müssen die Arbeitnehmer*innen sich erstmal bewusst werden, dass sie in solch einer prekären Situation nicht alleine sind. Es sind ja viele Millionen Menschen in Europa - wenn die sich organisieren, dann kann sich die Unsicherheit auf Dauer auch verändern. Die Dokumentation "Abschied von der Mittelschaft" zeigt uns sehr klar und nah den Betroffenen erzählt, was es heißt prekär zu leben, wie solche Arbeitsbedingungen entstanden sind und was jetzt dagegen getan werden kann.

Stand: 05.02.2020, 11:49