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"Meine alles außer gewöhnliche Familie"

Die Regenbogenfamilie vor der Skyline von Frankfurt: Mutter Anny, Linus, Pino, Lou und Mutter Pedi (v.l.). Regisseurin Annette Ernst hat sie über zwölf Jahre filmisch begleitet und einen respektvollen, offenen Einblick in eine Großfamilie geschaffen.

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"Meine alles außer gewöhnliche Familie"

Von Christian Werthschulte

Linn hat zwei Mütter und drei Halbbrüder, die heißen Linus, Lou und Pino. Und auch die haben wiederum zwei Mütter. Möglich gemacht hat das Eike. Das ist der sogenannte "Bechervater" der vier Kinder. Eike wurde Papa, indem er auf eine Anzeige geantwortet hat.

Damals hatten Pedi und Anny eine Anzeige aufgegeben, "Wir, zwei Frauen, haben es schon ganz oft probiert, aber nicht geschafft. Eine von uns ist wohl extrem zeugungsunfähig. Wer hilft uns? Keine Rechte, keine Pflichten", stand darin. So wurde er zum Vater einer Regenbogengroßfamilie.

Aber auch Eikes Familie ist nicht gerade gewöhnlich. Sein Vater hat sich irgendwann vor der Familie als schwul geoutet, die Eltern sind aber weiter zusammen geblieben - wegen der Kinder. Eikes Mutter unterstützt ihn heute und trifft sich gerne mit all ihren Enkeln. "Meine alles außer gewöhnliche Familie" ist aber nicht nur ein Porträt dieser Großfamilie, sondern stellt auch die Frage nach den Geschlechterrollen, die dort vermittelt werden. Die beiden lesbischen Paare erzählen ausführlich, wie sie sich Hausarbeit und eher handwerkliche Tätigkeiten aufteilen. Und Eikes Mutter schildert das Zusammenleben mit ihrem schwulen Mann. Eike macht japanische Kampfkunst und ist ein sehr ruhiger, zurückhaltender Mensch. Seine drei Söhne haben aber eher klassische Vorstellungen von Männlichkeit, die er nicht erfüllen kann. Sie spielen lieber mit ihrem Onkel Carsten Paintball. Deshalb hat Eike eigentlich nur zu seiner Tochter Linn eine wirklich enge Beziehung, die generell ein großes Interesse an Menschen hat und auch dafür gesorgt hat, dass sich die Großfamilie überhaupt erst kennenlernt.

Regisseurin Anette Ernst hat die Familie von 2009 bis 2020 immer wieder besucht. Und sie zeigt nicht nur, wie sich die Familie verändert, sondern auch die Einstellungen zu ihrem Lebensmodell. Zu Beginn des Films, 2009, müssen sich die Kinder noch sehr unbeholfene und verdruckste Fragen anhören. 2018 können aber selbst Pinos zehnjährige Klassenkameraden schon sehr offen über Regenbogenfamilien diskutieren. "Also, ich hätte viel lieber nur einen Vater und eine Mutter, weil eigentlich damit ja mehr Menschen kommen wie ich oder Jakob und Pino", sagt einer und erhält als Antwort: "Ich glaube, wenn du jetzt zwei Mütter oder zwei Väter hättest, würdest du vielleicht das andere denken, weil dann würdest du vielleicht denken, dass Mann und Frau dööfer ist." Und obwohl der Film auch die Probleme einer Regenbogengroßfamilie zeigt, ist das doch eine gute Botschaft: Die Akzeptanz für sie ist gewachsen.

Stand: 07.07.2021, 09:28