"Mein Vietnam" - Leben zwischen zwei Welten

Doku: "Mein Vietnam"

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Mein Vietnam" - Leben zwischen zwei Welten

Von Emily Thomey

Es gibt wirklich wenige Highlights, die uns diese schwierige Zeit gerade schenkt. Eines ist, dass sämtliche Festivals online stattfinden müssen und damit aber zugänglicher sind. Wir müssen nur davon wissen, Tickets besorgen und ins Internet gehen.

Gerade läuft das Max Ophüls Filmfestival, was eines der wichtigsten Festivals für deutsche Nachwuchsregisseure und -regisseurinnen ist. Eigentlich müssten die Besucher und Besucherinnen dafür nach Saarbrücken reisen. Jetzt können wir alle die Filme bequem von der Couch aus online sehen.

Fast 100 Filme könnt ihr noch die ganze Woche lang streamen. Wir empfehlen unter anderem "Mein Vietnam". Die Dokumentation handelt von einem vietnamesischen Ehepaar, dass seit 30 Jahren in Deutschland wohnt. Die beiden leben in einer relativ kleinen Wohnung. Ihre Kinder sind schon aus dem Haus und ihr Geld verdienen die beiden als gut eingespieltes Putz-Team bei Privatpersonen, in Unternehmen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Dabei sind sie meist alleine oder zu zweit, und auch im Alltag sehen wir sie vor allem in ihrer Wohnung, in der sie sehr häufig über Videocalls mit Freunden und Verwandten in Vietnam sprechen - also sich ihre eigene kleine vietnamesische Bubble geschaffen haben.

Eigentlich war der Plan irgendwann zurückzukehren, zumindest für Tam, bis dann ein Taifun das Haus in Vietnam zerstört. "Jeder Cent, den wir verdient haben, ist weg", sagt Tam ganz leise, während er durch die Fotos des zerstörten Hauses klickt. Der Bruder von seiner Frau Bay passt vor Ort auf das Haus auf und soll jetzt die Renovierungsarbeiten beauftragen. Die Option doch in Deutschland zu bleiben, wird präsenter. Die große Sehnsucht nach Vietnam taucht aber auch immer wieder in den Gesprächen der beiden auf.

Regie führt die Tochter der beiden, die Filmemacherin Thi Hien Mai, so dass wir die Beteiligten bei intimen, sehr privaten Gesprächen beobachten können. Das Leben in Deutschland sei schon einsam, sagt Tam zu seiner Frau Bay. Er findet auch, dass die beiden Vietnamesen geblieben seien. Aber Bay möchte hier bleiben: Sie trainiert ihr Deutsch und mag ihr Leben in Deutschland - auch, weil sie so nah bei ihren Enkelkindern sein kann.

Nur als ihre Schwester im Sterben liegt und ihr das Geld für den Flug fehlt, spürt man ihre Trauer über die Entfernung. Ihr Mann spricht hingegen ständig davon, wie traurig er ist und wie gerne er nach Vietnam zurück möchte. Also doch unterschiedliche Bedürfnisse zwischen den beiden.

Der Film bleibt offen in der Frage, wie die beiden sich letztlich entscheiden. Es ist so, als würden wir das Ehepaar für einige Monate als Mitbewohner besuchen und dann auch wieder ausziehen. Dadurch, dass die Tochter der beiden Regie führt, wirkt die Doku nie abwertend gegenüber dem einfachen Leben, sondern ist eher eine liebevolle Hommage. Die Hommage funktioniert letztlich exemplarisch für eine ganze Generation an Arbeitern und Arbeiterinnen, die für eine bessere Zukunft ihre Heimat verlassen haben, und zwischen zwei Welten, zwei Kulturen und auch verschiedenen Wünschen hin und hergerissen ist.

Stand: 15.01.2021, 08:00