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"Mein 40-jähriges Ich" - Selbstrealisierung durch Rap

Film: Mein 40-jähriges Ich

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Mein 40-jähriges Ich" - Selbstrealisierung durch Rap

Von Christian Werthschulte

Im Netflix-Film "Mein 40-jähriges Ich" findet eine Theaterautorin einen Safe Space in der HipHop-Szene.

Dass der Kulturbetrieb nicht frei von Vorurteilen ist, zeigt ein neuer Netflix-Film: "Mein 40-jähriges Ich" ist komplett in Schwarz-Weiß gedreht und spielt in der New Yorker Theaterszene. Er erzählt die Geschichte der Schwarzen Theaterautorin Radha. Sie gehörte mal zu den vielversprechendsten Talenten unter 30 in der New Yorker Szene, aber das ist zehn Jahre her.

Mittlerweile ist Radha fast vierzig und unterrichtet die Theater-AG an einer High School in Harlem. Und ihre Schüler*innen dort sind nicht immer sonderlich nett zu ihr: "Wie soll jemand, der keine Erfolge hatte, mir sagen, wie man Stücke schreibt?", sagt ihre Schülerin Eliana. Aber auch ansonsten läuft es nicht rund in Radhas Leben. Ihre Mutter ist gestorben und anstatt zu trauern, setzt sie sich mit ihrem Tod nicht auseinander. Wegen ihres hohen Gewichts fühlt sie sich zudem unattraktiv, ihr Liebesleben ist nicht wirklich vorhanden. Kurzum: Radha ist frustriert.

Film: Mein 40-jähriges Ich

Das ändert sich erst, als Radha etwas tut, was sie seit der Highschool nicht mehr gemacht hat: Sie fängt an, wieder zu rappen – erst zu Hause vorm Spiegel. Und dann traut sich die 40-Jährige schließlich ins Studio von HipHop-Producer D, wo sie ihre erste Aufnahme macht. Mit dem Rappen ändert sich Radhas Leben langsam. Sie besucht All-female HipHop-Battles und sie fängt eine Beziehung an – mit D, der ebenfalls am Verlust seiner Mutter zu knabbern hat. Das ist die eine Geschichte von "Mein 40-jähriges Ich": die Geschichte einer Frau, für die Rappen zum Empowerment wird. 

Aber der Film erzählt noch eine zweite Geschichte: Nämlich wie Schwarze Frauen in der Theaterszene wahrgenommen werden. Radha hat ein Theaterstück über einen Schwarzen Laden in Harlem geschrieben, der von Gentrifizierung bedroht wird. Aber der Produzent des Stücks, ein reicher Weißer, macht daraus ein Stück voller Klischees. Das stößt nicht nur Radha unangenehm auf, sondern auch der Hauptdarstellerin: "Neu-Harlemer. Was ist das für ein Scheißwort? Baby, für die machen wir uns nicht krumm."

Diese Theaterwelt, in der Schwarze nicht authentisch sein können, wird in "Mein 40-jähriges Ich" der HipHop-Szene gegenübergestellt, wo sich Radha ihre Identität ohne Zuschreibungen leben kann – bis diese beiden Welten gegen Ende des Films aufeinandertreffen. "Mein 40-jähriges Ich" ist jedoch kein einfaches Drama, sondern hat für Filmnerds einiges zu bieten hat. Der Film ist voller Anspielungen: Von der Komödie "Jungfrau, 40, männlich sucht" über den Rap-Film "8 Mile" bis zu den Brooklyn-Filmen von Regisseur Spike Lee. Und genau diese Filmnerd-Metaebene macht "Mein 40-jähriges Ich" zu einem Sozialdrama mit reichlich Selbstironie.

Stand: 23.10.2020, 08:00