Live hören
Jetzt läuft: On a déjà von Hollydays

"Lea Tsemel, Anwältin" - Doku über die israelische Menschenrechtsanwältin

Lea Tsemel, Anwältin, Videostill aus dem Trailer zum Dok-Fest München

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Lea Tsemel, Anwältin" - Doku über die israelische Menschenrechtsanwältin

Von Christian Werthschulte

Ein Dokumentarfilm schildert die Arbeit von Lea Tsemel, die in Israel Palästinenser vertritt, die als Terroristen angeklagt sind.

"Kontrovers" ist vielleicht ein Euphemismus für Lea Tsemel. Die 74-jährige Anwältin verteidigt Palästinenser, die Anschläge in Israel verübt haben, obwohl sie selber Jüdin ist. Der Dokumentarfilm "Lea Tsemel, Anwältin" schildert ihre Arbeit. Palästinenser suchen rechtlichen Beistand bei ihr. Hinterbliebene von Terroropfern in Israel kritisieren sie dagegen scharf. Und die israelische Regierung wirft ihr vor, dass sie den Staat Israel zerstören möchte. Ebenso umstritten wie Tsemel selbst ist der Film über sie. Als er dieses Jahr den Preis des Docaviv-Festivals gewann, hat der israelische Kulturminister das Festival aufgefordert, die Preisverleihung auszusetzen.

Nicht weniger kontrovers ist der im Film geschilderte Fall. Es geht um den 13-jährigen Ahmad. Zusammen mit seinem Bruder ist er 2015 mit einem Messer durch einen jüdischen Stadtteil in Jerusalem gezogen. Dabei wurde ein 13-jähriger Jude schwer verletzt, Ahmads Bruder wurde von Sicherheitskräften erschossen. Lea Tsemel vertritt Ahmad vor Gericht und steckt in einem Dilemma, weil Ahmad noch nicht strafmündig ist. Die Frage ist nun, ob er ein Geständnis ablegt und anstatt ins Gefängnis in ein Jugendheim eingewiesen wird. Oder soll er auf "unschuldig" plädieren und riskieren, dass er während eines langen Prozesses das strafmündige Alter erreicht? Das Gericht erklärt letztlich, dass Ahmad des zweifachen Mordversuchs schuldig ist. Lea Tsemel kann vor dem obersten Gerichtshof jedoch reduzierte Strafe von neun anstatt zwölf Jahren erreichen.

Der Verlauf des Prozess wird dann zwischengeschnitten mit historischen Aufnahmen von Tsemel. Sie hat sich nach dem Sechstage-Krieg 1967 einer linken israelischen Gruppe angeschlossen und vor allem die Verhörmethoden von Polizei und Geheimdienst in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. So hat sie vor dem obersten Gericht in Israel erreicht, dass körperliche Methoden in Verhören als illegal erklärt werden.

"Lea Tsemel, Anwältin" zeigt Tsemel vor Gericht, aber auch in sehr persönlichen Szenen in ihrer Kanzlei und im Kreis ihrer Familie. Aber diese Nähe und Intimität sind zugleich das Problem dieser Doku. Man lernt Lea Tsemel gut kennen, sowohl ihren Optimismus, als auch ihre schroffe Art. Andererseits lässt die Regisseurin Leah Rachel Jones nur sie, ihre Familie und Freunde sowie ihre Mandanten zu Wort kommen. Es fehlen einordnenden Kommentare zu ihren juristischen und politischen Behauptungen. auch ihre politischen Gegner oder die Richter, die mit ihr zu tun haben, werden nicht interviewt.

Deshalb rutscht der Film oft in einen Pathos ab, den viele Berichte über den Nahostkonflikt haben und der die Situation simplifiziert: gute Palästinenser kämpfen gegen böse Israelis. Die Taten von Tsemels Mandanten werden etwa immer als Widerstand gegen die Besatzung beschrieben werden, auch wenn sie gegen Zivilisten gerichtet sind. "Lea Tsemel, Anwältin" ist zwar ein sehenswerter Film, aber unkritisch konsumieren sollte man ihn nicht.

Stand: 10.07.2019, 10:00