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32. Hamburg International Queer Festival

Ivory, eine der Protagonistinnen der Dokumentation "Well Rounded", beim Feuerspucken

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

32. Hamburg International Queer Festival

Von Emily Thomey

Das älteste und größte Queer Filmfestival in Deutschland läuft gerade in Hamburg. Die besondere Filmauswahl ist auch online zu sehen. Unser Tipp: "Well Rounded".

Was für ein Glück für alle nicht Hamburger:innen, dass fast alle Festivals mittlerweile ihr Programm auch online zeigen. COSMO-Streaming-Guide Emily Thomey hat das Programm des 32. Hamburg International Queer Festivals gescannt und die Dokumentation "Well Rounded" als Empfehlung ausgesucht. Da geht es um die systematische Diskriminierung von dicken Menschen.

Die kanadische Filmemacherin Shana Myara hat mit vier Betroffenen gesprochen, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten und alle im öffentlichen Leben stehen - als Models, Stand-Up-Comedians oder Burlesque-Tänzerinnen. Und sie hat mit Expertinnen gesprochen, die historisch und medizinisch aufzeigen, dass es politisch und gesellschaftlich immer noch verachtet wird, dick zu sein, meistens unter dem Vorwand, dicke Menschen seien krank. Die Mehrheit der dicken Menschen sind aber völlig gesund, wenn man ihren Herz-Kreislauf oder Stoffwechsel prüft, sagt Professorin Dr. Janet Tomiyama: "A vast majority of people who have higher body mass index actually look perfectly healthy across all of these different cardiometabolic health markers." Es gibt zwar mittlerweile eine lauter werdende Body Positivity Bewegung - aber im Mainstream ist das noch nicht angekommen.

Body Positivity, also der positive Blick auf den eigenen Körper, ist der wichtigste Hashtag, mit dem die Bewegung in den sozialen Kanälen überall zu finden ist. Die Betroffenen in der Doku berichten alle von den psychischen Beeinträchtigungen und auch physischen Übergriffen, die sie erlebt haben - von Mitschülern, aber auch von Ärzten und Ärztinnen. Alle haben sich ihren Platz im Leben und in der Öffentlichkeit richtig erkämpfen müssen, ob Lydia Okello, non-binäres Model und Stylist:in in Vancouver, oder Entertainerin Candy Palmater, die sich von einem ihrer Komiker-Vorbilder George Carlin hat inspirieren lassen, der gesagt hat, erzähle die Witze, die nur du erzählen kannst: "George Carlin once gave advice and said. Don't tell jokes that everybody else can tell. Tell the jokes that only you can tell. So, before I go out on stage I think: I am queer indeginious, 300 pound, menopausal woman. And thats my lane." Ihre Marke ist, dass sie eine queere, indigene, über 130 Kilo schwere Frau in der Menopause ist und von dieser Position aus erzählt sie ihre Witze.

"Well Rounded" zeigt die Protagonist:innen wie Candy auch auf der Bühne - in ihrem Element, was direkt Lust auf weitere Videos macht. Die Doku überzeugt aber nicht nur wegen der Protagonist:innen, sondern auch weil die Regisseurin ihre eigene Perspektive deutlich macht - es geht ihr um People of Colour, die queere, weiblich gelesene und dick sind. Außerdem ist die Doku auch visuell mit poetischen Zeichnungen und Animationen sehr liebevoll gemacht.

Stand: 22.10.2021, 06:00