"Hamlet"- Mord und Rache in der heutigen Türkei

Plakat zu Kaan Müjdecis "Hamlet": Hazar (Elit Iscan) liegt seitlich und unbekleidet mit einer Schlange auf ihr vor ihrem Onkel Kadir (Erdal Besikçioglu) auf einem Tisch; beide gucken in Richtung des Zuschauers

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Hamlet"- Mord und Rache in der heutigen Türkei

Von Emily Thomey

Das Seriencamp bietet einen kostenlosen Watchroom voller internationaler Serien. Wir empfehlen die Shakespeareadaption von "Hamlet", versetzt in die zeitgenössische Türkei.

Der Serien-November ist ein ganz besonderer Serienmonat, weil in München eines der spannendsten Serienfestivals Deutschlands stattfindet. München ist nun weit weg, die Corona-Situation auch so angespannt, dass vermutlich wenige den Weg in die Kinos dort auf sich nehmen werden. Aber das müsst ihr auch gar nicht. Im Watchroom könnt ihr sämtliche Serien bequem von der heimischen Couch aus sehen. Die Auswahl ist groß und international. Manche der Serien werden hier in Deutschland auf jeden Fall auch noch zu sehen sein. Andere wiederum werden vielleicht nicht lizenziert - also eine einmalige Chance Serien aus Russland, Island oder der Türkei zu sehen.

Die Adaption der Shakespearetragödie von "Hamlet" ist vielleicht nicht das Erste, was euch dabei anspricht, sie lohnt sich aber. Serienmacher Kaan Müjdeci versetzt Shakespeares Brudermord und Rachegeschichte in die heutige Türkei. Auf einer der Prinzeninseln vor Istanbul geht eine Pferdeseuche um, die die örtlichen Pferdekutscher dazu zwingt, viele ihrer Pferde zu schlachten. Im Zuge dieser Schlachtung stirbt Ahmet, der Besitzer des größten Kutschunternehmens - angeblich bei einem Unfall. Seine trauernde Tochter Hazar ist aber überzeugt, dass es ein Mord war und vermutet ihren Onkel hinter der Tat. Zuschauende wissen schon, dass sie richtig liegt - nicht nur, weil es in Shakespeares Hamlet die Geschichte so vorgibt, sondern auch weil wir den Mord sehen.

Die Serie hat viele mystische Elemente: Manchmal ist beispielsweise nicht klar, ob wir einen Traum von Hazar sehen oder ob sie tatsächlich eine alte Magierin aufsucht, die ihr ermöglicht, Visionen zu haben. In diesen Visionen tauchen immer Tiere auf - Pferde natürlich, aber auch Schlangen und Wölfe spielen eine Rolle. Und wir sehen Kadir, den Onkel von Hazar wie er nach dem Mord einen Monolog spricht: "Mein Verbrechen ist so verdorben, es stinkt zum Himmel. Ein Brudermord", sagt er und schaut dabei in den Spiegel. Die Spannung der Serie entsteht dadurch, dass Hazar beweisen muss, dass er es war.

Abgesehen davon, dass die Geschichte in der Gegenwart spielt, hat sie auch etwas mit der heutigen Türkei zu tun: Müjdeci hat sich von wahren Ereignissen auf der Prinzeninsel Büyükada inspirieren lassen. Früher waren die Kutschfahrten dort die Touristenattraktion, bis sie letztlich verboten wurden und tatsächlich auch kranke Pferde geschlachtet werden mussten. Die Serienmacher sehen deutliche Parallelen in der Art, wie Menschen in Shakespeares Tragödie agieren, zu der Art, wie heutige politische Diskurse ablaufen. Davon unabhängig zieht die Serie dich aber auch so in diesen mystischen Kosmos und wird dich nicht loslassen.

Stand: 17.11.2021, 06:00