"Shiva Baby" - Queer Knutschen auf Familienfeiern

Screenshot: "Shiva Baby"

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"Shiva Baby" - Queer Knutschen auf Familienfeiern

Von Nele Posthausen

Sind meine Eltern stolz auf mich? Diese Frage stellt sich Danielle, Studentin der Gender Studies, bisexuell, jüdisch und Sugar Baby. Die Antwort findet sich in jeder Menge Chaos auf einer jüdischen Trauerfeier, der Schiwa.

Danielle (Rachel Anne Sennot) ist nicht so ganz im Bilde, wie sie noch gleich mit der Toten verwandt war. Das ist der erste Grund, warum sie sich auf der Trauerfeier unwohl fühlt. Dazu kommt: Danielle tut sich schwer damit, viel zu Essen, muss aber ständig am Buffet stehen. Außerdem taucht ihre Ex-Freundin auf der Feier auf, dabei dachte Danielle, die wäre ganz woanders. Und dann kommt unerwartet auch noch ihr "Sugar Daddy" ins Bild.

"Sugar-Dating" - das ist ein Konzept, mit dem viele amerikanische College-Studierende aktuell ihre Erfahrungen machen. Meist junge Mädchen finanzieren sich ihr Studium, indem sie mit älteren Männern schlafen, die ihnen dann teure Geschenke oder eben Geld geben. Autorin und Regisseurin des Films ist die Kanadierin Emma Seligmann. In ihrer Zeit an der Uni in New York haben sich einige ihrer Freundinnen mit diesem "Sugar-Dating" ihr Studium ermöglicht. Dahinter steht oft eine finanzielle Not. Studienkredite sind in den USA ein echtes Problem. Aber Emma Seligman findet auch, das "Sugar-Dating" sei manchmal ein unabhängigeres Sexualleben als ständig darauf zu warten, dass dich irgendein Studienkommilitone oder eine -Kommilitonin jetzt endlich heiß findet und mit dir schlafen will.

Viele Aspekte der Story erzählen also auch von Emma Seligman selbst, gibt sie im Interview zum Film auf der Plattform MUBI zu: "Der persönlichste Aspekt des Films ist dieser Moment, in dem du merkst, dass deine sexuelle Macht nicht so machtvoll ist, wie du das gedacht hast. Diesen Moment haben, glaube ich, viele junge Frauen: Du kommst näher an deinen Uni-Abschluss, deine Zukunft schaut dir direkt ins Gesicht und viele Dinge, die dir vorher Bestätigung gegeben haben, fallen auf einmal weg. Du fühlst dich, als hättest du keinen Boden unter den Füßen." Diesen Moment spielt Rachel Anne Sennot sehr beeindruckend: Nie lächerlich, nie übertrieben panisch, aber immer humorvoll und so, dass es uns beim Zuschauen den Magen zuschnürt.

Beeindruckend an "Shiva Baby" ist besonders die Idee, den ganzen Film an nur einem Ort spielen zu lassen. Es gibt eine kurze Einleitung, dann bleibt die komplette Handlung auf der Trauerfeier. Und obwohl die Zahl der jüdischen Trauertage, wie der Name "Schiva" (dt. "Sieben") sagt, eigentlich sieben betragen, scheint sich hier auch alles auf den einen, sehr zähen Tag zu konzentrieren. Das hinterlässt einen ähnlichen Eindruck wie zum Beispiel "Victoria" von Sebastian Schipper, der als One-Take in Berlin gedreht wurde. Ohne krasse Szenenwechsel wird der Film viel dringlicher, näher und auch berührender. Shiva Baby holt uns mit viel düsterem Humor auf eine jüdische Familienfeier und gleichzeitig fast unbemerkt in queere Lebenswelten.

Stand: 30.06.2021, 09:03