Live hören
Jetzt läuft: Sementes von Emicida & Drik Barbosa

"Ghost-Workers" - Ausbeutung als Konzept

"Ghost Workers" -

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Ghost-Workers" - Ausbeutung als Konzept

Von Emily Thomey

Während die Internetkonzerne Erfolge feiern und Riesenumsätze machen, bleibt die Arbeit der Crowdworker unsichtbar. Sie verrichten ohne Arbeitsvertrag oder soziale Absicherung unterbezahlte, stupide Klickarbeit für die digitalen Branchenriesen. Moderne Ausbeutung im 21. Jahrhundert.

Tausende Menschen weltweit arbeiten für einen Hungerlohn für die großen Techriesen wie Google, Youtube oder Facebook. Sie helfen künstliche Intelligenz überhaupt erst intelligent zu machen. Denn Algorithmen müssen mit Daten gefüttert werden – von Menschenhand. Die Arbeiter, die das tun, werden "Ghost Worker" genannt. Eine Dokumentation in der ZDF-Mediathek macht diese Geisterarbeiter*innen sichtbar.

Die Ghost Worker bleiben unsichtbar – wie Geister, weil ihre Arbeit monoton und schmerzhaft sein kann. Sie müssen über Stunden beispielsweise Fußgänger auf Fotos markieren, damit später selbstfahrende Autos wissen, wie Fußgänger:innen aussehen. Oder sie entfernen als Content Moderator:innen Bilder und Videos voll Gewalt, Pornographie und Hass. Außerdem wird sehr schlecht mit ihnen umgegangen - wer sich wehrt, wird einfach ausgetauscht.

Subunternehmen liefern billige Klickarbeit

Lukas Biewald hat ein Subunternehmen im Silicon Valley gegründet, das u.a. für Google arbeitet und Menschen beschäftigt, die im Schnitt knapp drei Euro pro Stunde verdienen und keine Rechte haben. Sein Geschäftsmodell basiert auf dieser Ausbeutungsstrategie: "Bevor es das Internet gab, war es schwierig jemanden zu finden, der zehn Minuten für dich arbeitet und dann wieder gefeuert werden kann. Online findet man diese Leute, bezahlt wenig Geld und wird sie wieder los.“ Mittlerweile hat Biewald sein Unternehmen für 280 Millionen Dollar verkauft. Im direkten Interview mit der Filmemacherin sehen wir Lukas Biewald schon an, dass es ihm unangenehm ist. Er bricht das Interview ab und verweigert eine Antwort auf die Frage, ob es legal sei, was er den Ghost Workern zahlen würde.

"Ghost Workers" -

Arbeitskultur im Silicon Valley

Die Informatikerin Lilly Irani beschäftigt sich seit Jahren mit der Arbeitskultur im Silicon Valley, hier sitzen all die Firmen, die die Ghost Worker brauchen. Sie sagt, dass die Verbindung zu den Menschen, die diese Arbeit machen, völlig verloren gegangen ist. "Das passiert an Universitäten wie Stanford, Harvard oder Princeton. Dort behandelt man jeden wie einen Überflieger. Du bist die Führungskraft von Morgen und auserwählt, die Welt zu verändern." Gerade für Content Moderator*innen, die Gewalt- und Hassvideos sichten und filtern, können die Folgen ihrer Arbeit gravierend sein. Mittlerweile haben einige von ihnen ausgesagt und klagen gegen Facebook, weil ehemalige Moderator:innen unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden - auch Jahre nachdem sie den Job beendet haben.

Arbeitsschutz für Ghost Worker

Damit Ghost Worker besser geschützt sind und nicht mehr so ausgebeutet werden, muss der Widerstand größer werden - also mehr Gerichtsverfahren, mehr Medienberichte, mehr Protest auf Seiten der Arbeitnehmerverbände. Für die Medienwissenschaftlerin Sarah Roberts lagern die großen Techriesen aus, was sie nicht tragen wollen: "Da geht es um Lohnkosten aber auch darum, Verantwortung abzugeben. Die Verantwortung für diejenigen, die diese Arbeit machen und wo sie sie machen. Das Unternehmen distanziert sich von den Klickarbeitern und deren Situation - nicht nur geografisch, sondern auch moralisch." Die Dokumentation trifft alle Beteiligten - auch Ghost Worker selbst, macht deutlich, warum sie sich trotzdem für diese Arbeit entscheiden, filmt mit versteckter Kamera eine Ausbildung zum Content Moderator und ist insgesamt sehr aufschlussreich.

Stand: 24.06.2020, 10:00