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"Sea Watch 3" - Gesichter und Geschichten der Seenotrettung

Sea Watch 3

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Sea Watch 3" - Gesichter und Geschichten der Seenotrettung

Von Emily Thomey

Corona bestimmt unsere Nachrichten - weiterhin. Was auch weiterhin bittere Realität ist: Menschen, die versuchen über das Meer nach Europa zu kommen. Selten schaffen diese Menschen es derzeit in die Nachrichten. Wir haben auch schon viele Filme zu ihrer Situation gesehen.

Dennoch gibt es immer wieder Filme, die sich trotzdem lohnen. Einer davon ist "Sea Watch 3". Ihr könnt ihn in der NDR- und 3Sat-Mediathek sehen. Der Film bringt alles zusammen, was es braucht: das große politische Ringen, die konkreten Schicksale der Menschen - und das in kinoreifen Bildern, die wirklich berühren. Egal, wie viel du schon weißt oder gesehen hast.

Natürlich dreht sich die Geschichte um Carola Rackete, die Kapitänin der Sea Watch 3, die die Verantwortung für ihre Crew und die Geretteten übernimmt und das zu jeder Zeit unmissverständlich klar macht: "Ich bin die Kapitänin," sagt sie gegenüber den Geretteten. "Ich werde das Gesetz brechen, ihr tragt keine Verantwortung."

Sea Watch 3

Bevor Rackete gegen den Willen der italienischen Justiz 2019 auf Lampedusa anlegt, hat sie alles an politischer Verhandlung versucht - mit Italien aber auch Malta, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden. Das bekommen wir am Rande auch im Film mit. Die Geschichte kennen wir aus den Medien und den sozialen Netzwerken. Carola Rackete war damals ein richtiger viraler Hit.

Die Geretteten sind neben Carola die eigentlichen Protagonist*innen der Dokumentation. Wir sehen sie, wie sie völlig erschöpft zwischen Tränen und Euphorie an Bord genommen werden, dort für mehrere Wochen mit der Crew leben - essen, schlafen, waschen, Yoga, Italienisch-Unterricht, was im Alltag auf so einem Schiff möglich ist - und langsam mürbe oder auch immer kränker werden und leiden.

Und sie erzählen von ihren markerschütternden Erlebnissen. Gerade dafür nehmen sich die Filmemacher*innen Zeit, wie bei einer der Frauen, die in Tränen ausbricht. Auf ihrer Flucht musste sie mitansehen, wie ein junger Mann, der sie und ihre Freundinnen beschützen wollte, erschossen wurde. Danach wurde sie vergewaltigt. Den Mann, der sie schützen wollte, kann sie nicht mehr vergessen.

Sea Watch 3

Was bei uns die meiste Zeit ankommt, klingt aber hingegen unpersönlich. Medienberichte über ertrunkene Menschen haben wir alle schon hundertfach gehört. Kein Wunder, dass sie uns nicht mehr berühren. Auch die Geschichten der Geretteten wiederholen sich - Folter, Vergewaltigung, Missbrauch. Aber anders als die Nachrichten berühren sie. Sie wirken nicht wie aus einer fernen, anderen Welt. Wie die Nachrichten, bei denen wir keine Gesichter, keine konkreten Geschichten hören und sehen.

Deswegen ist es wichtig, dass wir uns diese Geschichten immer wieder vor Augen halten. Nur so ist es uns nicht egal, was auf dem Mittelmeer passiert. "Sea Watch 3" ist also ein absolutes Must-See und die Dokumentarfilmer*innen zurecht preisgekrönt.

Stand: 20.05.2020, 06:00