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Diese Leute lassen sich technisch aufrüsten

Neil Harbisson hat sich selbst technisch verbessert

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Diese Leute lassen sich technisch aufrüsten

Von Nora Wilker

Unter dem Schirm der schwarzen Cappy von Künster Neil Harbisson steht eine silberne Antenne hervor. Das ist ein künstliches Sinnesorgan, mit dem er Farben hören kann. Klingt nach Science-Fiction, ist es aber nicht - "Cyborgs" sind Menschen, die ihre Körper technisch aufrüsten.

Die Arte-Reportage "Mein Leben als Cyborg" zeigt die Cyborg-Bewegung in Barcelona. Rund um Vorreiter Neil Harbisson hat sich 2017 die "Transspecies Society” gegründet. Das Netzwerk von Cyborgs, Künstlern und Philosophen will andere Menschen dabei unterstützen, sich für die Idee der Verschmelzung von Technik und Körper zu öffnen.

Neil Harbissons Antenne, die fest in der Schädeldecke seines Hinterkopfes implantiert ist, ist eine Art künstliches Sinnesorgan. Neil ist farbenblind und die Antenne ermöglicht es ihm, Farben wahrzunehmen. Und zwar über den Gehörsinn. Ein Farbsensor vorne an der Antenne übersetzt die Farben aus Neils Umgebung in Vibrationen und überträgt diese auf seinen Schädelknochen, was er dann als Ton wahrnimmt: "Rot hat die tiefste Frequenz. Es klingt wie ein "f". Grün liegt schon etwas höher und Violette hat die höchste Frequenz, zwischen "e” und "d”.", erzählt der Cyborg-Aktivist.

Grundsätzlich geht es den Cyborgs um die Implantation neuer Sinnesorgane. Egal, in welcher Form: Hanna Melzer ist ein Cyborg aus Los Angeles. Sie ist nach Barcelona zur "Transspecies Society” gekommen, um sich einen Magneten ins Ohr pflanzen zu lassen. Damit kann sie dann zum Beispiel Musik hören, ohne Kopfhörer aufzusetzen.

Das Szenario rund um Hannas Operation ist absurd: Der Eingriff wird als Performance gefeiert. In einem offenen Kellerraum stehen Zuschauer mit einem Drink in der Hand und gucken dabei zu, wie ihr von einem befreundeten Arzt das Ohr aufgeschnitten wird. Sie liegt bei der Show auf einem Flügel. Das eigne sich besser als ein klassischer OP-Tisch, vor allem, weil während der Show dann auch noch Musik gespielt werden könne. Danach ist Hanna erleichtert und möchte "erstmal ein Bier."

Die Cyborgs rund um Neil Harbisson wollen mit diesen öffentlichen Operationen, die live in den Sozialen Medien erscheinen, zeigen: Die Verschmelzung von Mensch und Technik ist möglich. Und wir alle können uns dafür entscheiden. Neil Harbisson gibt auch Workshops zu dem Thema - in Dubai, London und Berlin.

Begeistert hat Nora an der Doku: Alle Protagonisten nehmen Eingriffe an ihren Körpern mit einer völligen Selbstverständlichkeit in Kauf. Angst oder Unsicherheit kommen da nicht vor. Sondern es geht ihnen um die Frage nach ihrer Identität. Für sie ist klar: Mit der technischen Aufrüstung ihrer Körper kommen sie ihrem wahren Ich näher. Denn auf diese Weise entscheiden sie selbst, wie sie die Welt wahrnehmen wollen.

Stand: 15.03.2019, 06:00