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Androgyner Lockenschopf

Filmszene: Kay (Thor Braun) betrachtet sich nackt im Spiegel

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Androgyner Lockenschopf

Von Christian Werthschulte

Im Kurzfilm "Sirene" erforscht ein junger Mann die Grenzen der Geschlechterrollen: Kay hat schöne volle rote Locken, und er ist ein Junge mitten in der Pubertät. Und als solcher macht er natürlich am liebsten stereotyp männliche Dinge.

Er fährt Motocross und schaut sich gerne Frauen an, etwa wenn er mit seinen Freunden auf einen Bauzaun steigt, um einer Frau beim Umziehen zuzusehen. Aber Kay interessiert sich weniger für die nackte Haut, sondern für die Bewegungen der Frau, dafür, wie sie ihre Haare hinter das Ohr streicht. Und genau diese Geste macht er dann später vor dem Spiegel nach.

Das ist nur der erste Schritt in Kays Exploration der Geschlechtergrenzen. Er freundet sich mit Melody an, einer jungen Frau, die auf einem Hausboot lebt. Die beiden unternehmen viel: Sie gehen an den Strand, sitzen rum und kiffen und quatschen. Irgendwann will Melody dann aber Kay küssen - und er sagt "Stop". Melody ist deshalb ziemlich sauer auf ihn. Kay ist verwirrt. Und damit geht das Hin und Her der Geschlechterrollen erst richtig los und wird auch dadurch nicht aufgelöst, dass Kay sich seine vollen Locken abrasiert.

"Sirene" stellt Geschlechterrollen radikal in Frage. Aber dabei ist der Film sehr einfühlsam. Es ist ein ruhiger Film mit vielen Nahaufnahmen von Kays Augen und seinen Mundwinkeln. Kay besitzt zudem sehr androgyne Gesichtszüge, was noch deutlicher wird, nachdem er seine Haare kurz rasiert hat. Die Regisseurin Zara Dwinger hat ihren Protagonisten gut gecastet. Dwinger kommt aus Amsterdam und hat schon viele queere Filme gedreht, zuletzt "Yulia & Juliet", ihre Version von "Romeo und Julia", mit der sie auch auf der Berlinale 2019 vertreten war. In "Sirene" umschifft sie deshalb auch viele Klischees, die Trans*geschichten oft mit sich bringen: keine Streitigkeiten mit den Eltern, keine Coming-Out-Szenen. Kay emanzipiert sich sehr leise von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen - und das macht diesen Film umso glaubwürdiger.

Stand: 13.03.2019, 12:22