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Utopia

Utopia, Screenshot aus dem Trailer

Sehenswertes aus Netz und TV

Utopia

Von Emily Thomey

Eine gehirnverbiegende Serie aus Großbritanien | Die Doku "Brooklynn" über ein Opfer von Schusswaffen in den USA | Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV.

Bei richtig guten Serien gibt es eigentlich kaum die Chance, sie als Geheimtipp zu verkaufen. Die Marketingmaschinen laufen zu gut, seit Serien so gefeiert werden und fest ins Popkultur-Repertoire gehören. Aber immer mal wieder entwischt eine gute Serie der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Die britische Thriller-Serie "Utopia" ist so ein Geheimtipp. Sie ist saugut, hat sogar einen Emmy - den Fernsehoscar - gewonnen und trotzdem kennen sie nur wenige. Die vier Hauptfiguren Becky, Ian, Wilson und Grant sind einer Untergrundorganisation auf der Spur, die Böses im Schilde führt. Die smarte Doktorandin Becky möchte über eine geheimnisvolle Graphic Novel forschen, die offenbar vielmehr ist als ein gezeichnetes Buch: „Sie heisst ‚Die Utopia Experimente‘. Ein Wissenschaftler schließt darin einen Pakt mit dem Teufel. Für Wissen. Der Teufel erscheint in unterschiedlicher Gestalt. Es kann in Verbindung gebracht werden mit BSE, der Ermordung von Indira Gandhi“ Darauf entgegnen ihr die Professoren ungläubig: "Verschwörungen sind nicht gerade zeitgemäß. Sie sagen, sie halten es für real?"

Genau das will Becky sagen, nur dass sie noch nicht genau weiß, wer die Drahtzieher sind. Außerdem gibt es auch noch ein zweites Skript von den Utopia Experimenten, was allerdings verschollen ist. Es taucht allerdings schon in der ersten Folge auf und verschiedene Menschen wollen es haben - einige davon, soviel kann ich verraten - sind nicht besonders freundlich. Es geht diesen Killern allerdings auch noch um eine mysteriöse Frau namens Jessica Hyde. Am Ende der ersten Folge wissen wir das zwar, sind aber trotzdem kaum schlauer. Da ist es aber schon zu spät und die Serie "Utopia" hat dich gepackt.

Die Bilder, die die Macher*innen wählen, sind wie in Comics voller knalliger Farben, liebevoll ausgesuchter Details, wie eine knatsch-gelbe Plastiktasche, die immer wieder auftaucht und so symbolisch wird. Selbst die zum Teil sehr gewalttätigen Bilder sind durch Zeitlupen oder besondere Perspektiven wie gemalt und dadurch fast schon schön. Die Charaktere sind sehr unterschiedlich und fein gezeichnet - also fern von Klischees. "Utopia" ist visuell ein Genuss und hat mit steilen Cliffhangern den 100 Prozent Suchtfaktor.

BROOKLYNN - die eltewrnn der Toten im Gespräch;  Screenshot aus der Doku

Aus Versehen erschossen

Aus den USA sind wir tragischer Weise schon gewohnt Nachrichten von Amokläufen und Schulschießereien zu hören. Gerade erst titelte die Huffington Post, dass es in diesem Jahr schon jetzt mehr tote Schulkinder als Soldaten in den USA gebe. Ungefähr 17.500 Kinder sterben jährlich aufgrund von Schusswaffen. Einen solchen Fall verarbeitet die Dokumentation "Brooklynn", die jetzt veröffentlicht wurde.

Die Kurzdoku von Charlie Mysak ist gerade mal zwölf Minuten lang und verarbeitet trotzdem alle Stufen der Trauer, die die Eltern von Brooklynn durchmachen. Ihre Tochter war erst 13 Jahre alt, als sie von einer Freundin aus Versehen von hinten erschossen wurde. Der Vater der Freundin hatte die Waffe nicht entladen und einfach liegen gelassen, so dass die Kinder sie finden konnten. Damit war der Unfall seine Schuld. Er wurde aber weder angeklagt noch verurteilt.

Während die Mutter von Brooklynn erst nicht begreifen konnte, was passiert ist, spricht der Vater davon, wie er immer wieder in seinem Kopf verhandelt, ob er etwas hätte anders machen können. Dazu sehen wir, wo die Familie lebt: In einem aufgeräumten Vorort im Bundesstaat Nevada, umgeben von traumhaft schönen Wäldern, die in Schnee getaucht sind, ein sonniger Winterhimmel. Also Bilder wie gemalt und tatsächlich auch surreal: Die Mutter träumt von Brooklynn und schreibt diese Träume dann auf, um sie festzuhalten, weil sie sich so real anfühlen. Als andere Bewältigungsstrategie gibt es eine Selbsthilfegruppe, die die Eltern besuchen.

Die Doku zeigt keine schockierenden Bilder, skandalisiert nicht und ist auch kein bisschen voyeuristisch. Stattdessen bleiben wir bei der Familie, sehen Ausschnitte von alten Kindervideos von Brooklynn und Fotos. Die Bilder wirken kein bisschen kitschig, obwohl sie natürlich typisch kitschig sind - es sind ja Videos von einem badenden Kind mit den Stimmen der völlig verliebten Eltern. Und das ist die Kunst der Doku „Brooklynn“: Ihr gelingt es, die Tragik des Unfalls zu vermitteln, den Schmerz der Hinterbliebenen und trotzdem Hoffnung zu geben und das Leben als etwas Schönes zu feiern.

Stand: 15.06.2018, 06:00