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Wo fängt sexuelle Belästigung an?

Screenshot: Sweet Things

Sehenswertes aus Netz und TV

Wo fängt sexuelle Belästigung an?

Von Emily Thomey

Wer sich fragt, wo sexuelle Belästigung eigentlich anfängt, sollte diesen Kurzfilm sehen | Berlinale-Filme können wir zum Glück auch im Netz schauen | Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV.

Die Linie zwischen dir und mir

Die #metoo-Kampagne hat auch die deutsche Filmlandschaft erreicht. Gerade wird darüber spekuliert, welche Filme auf der Berlinale aus dem Programm genommen wurden, weil ihre Macher zwar nicht verurteilt, aber zugegeben haben, sich falsch verhalten zu haben. Was aber heißt eigentlich genau 'sich falsch verhalten'. In der Debatte um sexuelle Belästigung sind viele Menschen - vor allem Männer - verunsichert. Wo verläuft die Grenzen zwischen nett sein, Komplimente machen und sexueller Belästigung? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber es gibt Filme wie "Sweet Things", die sich damit auseinandersetzen und diese feine Linie zeigen.

"Sweet Things" zeigt ein vermeintlich harmloses Bewerbungsgespräch in einem Café in einer x-beliebigen norwegischen Stadt. In knapp sieben Minuten gibt ganz viele kleine Momente der Respektlosigkeit und ein paar größere. Der Mann, der offenbar eine Fotografin sucht, setzt sich zu der Bewerberin an den Tisch und beisst genussvoll in einen Apfel, während er die Standardfrage stellt, warum sie gerade für ihn arbeiten will. Das ist eigentlich schon ziemlich unpassend, so kauend vor ihr zu sitzen und ihr die Frage mit vollem Mund zu stellen. So richtig übergriffig wird er, als er fragt, ob sie auf Diät sei. Sie ist sichtlich irritiert und weiß gar nicht, worauf er hinaus will, während er, ohne wirklich eine Antwort abzuwarten, einen Kuchen bestellt.

Süße Sachen

Zufällig kommt in diesem Moment ein Bekannter dazu, so dass der Chef auf die Tischseite der Bewerberin wechselt, sich selbstverständlich neben sie setzt und ihr sogar auf die Schulter klopft. Er ist also richtig taktlos, kommt ihr körperlich zu nah. Aber könnte man nicht auch sagen, er ist einfach sehr informell und locker in seinen Umgangsformen? Das könnte man sagen, wenn er nicht zwei weitere Grenzen überschreiten würde: Nachdem der Bekannte wieder gegangen ist, fragt die Bewerberin etwas überrumpelt, ob sie den Job nun bekommen habe, oder ob der Chef noch Arbeitsproben von ihr sehen wolle? Ja, sagt er, sie habe den Job, er habe genug ihrer Arbeiten gesehen, sie sei ausgezeichnet qualifiziert und außerdem verbinde die beiden eine 'gute Chemie'. Genau das aber ist nicht mehr sachlich auf den Job bezogen und auch nicht mehr locker, sondern übergriffig - vor allem, weil er sich auch noch mit den Worten von ihr verabschiedet, dass nicht nur der Kuchen süß sei, sondern auch sie. Autsch.

Sexuelle Übergriffe starten sehr subtil und der Kurzfilm "Sweet Things" zeigt uns diese subtile Grenze mehrfach - präzise erzählt und von den Schauspielern auch sehr gut verkörpert. Und da in der Debatte um sexuelle Belästigung und Gewalt immer wieder die gleichen unwissenden Fragen und Argumente auf den Tisch kommen, ist dieser Film ein ganz guter Gradmesser, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger unterwegs zu sein.

Der rote Teppich vor der Couch

Morgen geht die Berlinale los. Das größte deutsche Filmfestival zieht auch die Stars und Sternchen der internationalen Filmszene in die Haupststadt. Wir werden natürlich auch vor Ort sein und berichten. Der Kartenverkauf hat Montag begonnen und es haben sogar Menschen bei den eisigen Temperaturen vor den Vorverkaufsständen gecampt. Für alle, denen das zu kalt ist und die vielleicht lieber von der heimischen Couch gute Berlinalefilme gucken möchten, habe ich das Internet gescannt.

Das größte Netzfilm-Berlinale-Angebot bietet uns arte mit ehemaligen Wettbewerbsfilmen wie "Als wir träumten" von Andreas Dresen oder "Cloud Atals" vom diesjährigen Jurymitglied Tom Tykwer. Meine Empfehlung an euch ist "Taxi Teheran" von dem iranischen Regisseur Jafar Panahi, der 2015 - also vor drei Jahren - den Goldenen Bären gewonnen hat. Der Film ist eine wilde Taxifahrt durch Teheran. Auf der Fahrt steigen ganz viele Menschen in das von Panahi gefahrene Taxi und der Film wirkt wie eine Dokumentation, weil alles von kleinen Kameras vom Armaturenbrett und sogar mit Handys gedreht wurde. Doch Panahi gibt uns schnell Hinweise, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde, wie ein Fahrgast auch bemerkt.

Das Format, das Panahi wählt, ist natürlich schon eine Kritik am iranischen Regime, in dem die Menschen gezwungen sind, ganz viel im Verborgenen zu tun, weil das Regime so viel verbietet. Panahi hat den Film heimlich gedreht. Dafür ist die Methode mit den kleinen Kameras natürlich sehr smart. Im Taxi wird dann über die Scharia und Hinrichtungen debattiert, über die Rechte von Frauen, es werden illegal Filme und Musik gehandelt und darüber geredet, wie die strengen Gesetze die Gesellschaft verändert. "Und wenn sie dich dann aus der Haft entlassen, wartet auf dich ein noch größeres Gefängnis. Sie schaffen es, dir deine engsten Freunde zu Feinden zu machen und irgendwann willst du nur noch weg von hier, oder du wünscht dich wieder ins Gefängnis zurück - soweit geht es oft." Eine Erlösung bietet "Taxi Teheran" nicht an, aber er einen authentischen Blick auf die iranische Gesellschaft und ihre alltäglichen Kämpfe unter der Überwachung des strickten Regimes. Bei aller Kritik, Panahi wirft in seinem Film auch immer einen liebevollen Blick auf seine Landsleute.

Stand: 13.02.2018, 10:07