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Wenn wir uns nicht mehr erinnern

Screenshot: "On The Road"

Sehenswertes aus Netz und TV

Wenn wir uns nicht mehr erinnern

Von Emily Thomey

Die Adriaküste in Italien ist ein beliebter Urlaubsort, aber auch ein Ort der Zwangsprostitution von vor allem jungen nigerianischen Mädchen, zeigt die Doku "On The Road" | Der Kurzfilm "It's not what you know" erzählt die Geschichte eines jungen Drogendealers und von den Wiederholungsschleifen des Lebens | Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV.

Geschäft mit dem Sex

Die Adriaküste ist mit einer der bekanntesten Küsten Italiens. Urlauber kommen aus der ganzen Welt hierher, um sich unter den schicken, bunten Sonnenschirmen zu sonnen. Auf dem Heimweg zum Hotel fahren sie vielleicht die Strada Bonifica entlang, vorbei an etlichen Frauen, die auch auf Männer warten.

Der Regisseur Piers Sanderson und sein Team steigen in der sehr kurzen Dokumentation "On The Road" von gerade mal 20 Minuten Länge über die Strada unglaublich tief in das Thema Prostitution und vor allem Zwangsprostitution ein. Denn das ist, was an der Adriaküste passiert: Tausende - vor allem nigerianische - Mädchen werden mit einem falschen Versprechen dorthin gelockt, erzählt Jessica, die für die Hilfsorganisation "On the Road" versucht, den Mädchen zu helfen. Jessica fährt mit ihren Kolleginnen die Straße seit Jahren entlang und alle Mädchen erzählen die gleiche Geschichte: Ihnen wird ein Job angeboten, sie und ihre Familien glauben an das reiche Europa, in dem sie eine bessere Zukunft oder zumindest genug Geld für sich finden, und wenn sie nicht im Mittelmeer ertrinken, werden sie unter Morddrohungen und mit Gewalt zur Prostitution gezwungen.

So viele bleiben dort, weil sie Angst haben, Angst vor der Gewalt, die ihnen schon angetan wurde. Schon in Libyen beginnt für die meisten die Zwangsprostitution. Angst haben sie auch vor den als Madam bezeichneten Zuhälterinnen, denen die Frauen ihr Geld geben müssen und die sie schlagen, oder schlagen lassen, wenn sie nicht zahlen. Und sie haben Angst, dass sie nicht zurück nach Hause, nach Nigeria, können, oder, dass ihren Familien etwas angetan wird. Die Angst steckt auch deswegen so tief, weil sie den Frauen mit Voodooritualen noch tiefer eingetrichtert wird.

Die Freier

Die Kurzdoku "On the Road" spricht auch mit einem Freier, der im Nachhinein versucht habe, einem Mädchen zu helfen, sie allerdings nicht wiedergefunden habe. Die Freier sind jeden Alters, aus jeder Schicht und jedem sozialen Background. Gelangweilte Männer, Männer mit perversen Fantasien. Dass sie dafür Frauen und Mädchen ausnutzen, ist ihnen egal, sie wollen bezahlen und bekommen, was sie wollen. Die Frauen können nur mit viel Mut und Hilfe von außen gerettet werden, denn für Sex bekommen sie manchmal sogar nur fünf Euro.

Erinnerungsverlust

Wenige Kurzfilme haben die inhaltliche Tiefe, die ein Kinofilm erreichen kann. "It's not what you know" schafft genau das und trotzdem ist die Story schnell erzählt: Ein Typ kommt zu einer Hausparty, kennt irgendwie alle, kann sich super unterhalten und findet schnell neue Freunde. Er ist aber kein normaler Partygast, sondern eigentlich ein Drogendealer. Als er endlich die Gastgeberin findet, der er die Drogen bringen sollte, ist er etwas erstaunt, weil sie sich schon kennen. Er erinnert daraufhin an diese wunderschöne Nacht, die sie zusammen verbracht haben, und in der sie nach einer Party bis zum Morgengrauen durch die Stadt gezogen sind. Man hört förmlich, wie er immer noch ein bisschen verknallt in sie ist, wenn er daran zurückdenkt. Aber sie erinnert sich nicht. Autsch, das ist bitter.

Ob der Erinnerungsverlust an den Drogen liegt, bleibt offen. Aber es steckt viel mehr in dieser Erzählung: Der Regisseur Aaron Abrams lässt wie nebenbei ganz grundsätzliche Lebensweisheiten fallen - beispielsweise dann, wenn der Dealer sich versucht, zu rechtfertigen, warum er Drogen vertickt: "It's good for meeting people, making connections and networking." Woraufhin sie antwortet: "It's all about who you know." Es ist im Leben viel wichtiger, wen du kennst, als was du weißt, daher auch der Titel: "It's not what you know". Oder, dass es in einer digitalisierten Welt manchmal besser wäre, mit einem Menschen zu sprechen, statt mit einer Maschine. Als der Dealer versucht, mit seinem Navi den Weg wieder nach Hause zu finden, bleibt die Maschine in einer Schleife hängen, vergleichbar mit den Schleifen, die so mancher in seinem Leben dreht, statt wirklich voranzukommen.

Stand: 05.12.2017, 11:00