Wie rassistisch sind Tinder und Co?

Swipe my race- Screenshot aus der Doku

Sehenswertes aus Netz und TV

Wie rassistisch sind Tinder und Co?

Von Emily Thomey

"Swipe my race" nimmt uns mit in die Untiefen von Dating-Apps | Fast ohne Worte rollt der Kurzfilm "Hala" per Skateboard in ein Drama zwischen Liebe und Tradition | Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV.

Ohne Worte

Die besten Momente in Serien und Filmen sind meist die, in denen niemand etwas sagt und trotzdem alles gesagt wird. in dem Kurzfilm "Hala" sagt die gleichnamige Hauptfigur zwei vielleicht drei Worte. Sie ist eine schüchterne muslimisch-amerikanische Teenagerin, sechzehn Jahre alt, unglaublich hübsch und smart und eine Skaterin. Gleich am Anfang des Films werden wir an die typischen Probleme von Teenagern erinnert, wenn Hala morgens aufwacht, in ihrem Bett liegt, sich gerade selbst befriedigen will und dann klopft es an der Tür. Hala’s Mutter fragt, was sie macht und warum sie Sahur verpasst hat, die letzte Mahlzeit vor Sonnenaufgang bevor im Ramadan das Fasten am Tag los geht. Gefrustet steht Hala auf, bindet sich ihr Kopftuch um und skatet zum nächsten Skatepark, wo sie Jesse kennenlernt.

Hala - Screenshot aus dem Film

Chanel oder Gott

Jesse und Hala verlieben sich ineinander und Jesse ist nicht muslimisch, was für die beiden kein Problem ist. Die Eltern von Hala - vor allem ihre Mutter - sind sehr strickt und konservativ, was wir direkt zu Anfang mitbekommen, als sie sich beim Essen über eine Bekannte aufregt, die Chanel trägt und sich so verändert hätte. Während Hala’s Vater versucht zu beschwichtigen und meint, dass jeder selbst entscheidet, wie er oder sie leben will, erinnert Hala’s Mutter an die Tradition und daran, dass Gott zu schauen würde. Der Konflikt ist vorprogrammiert - zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstausdruck, den wir sehen, wenn Hala auf ihrem Skateboard durch die Stadt  rollt und den Erwartungen vor allem von ihrer Mutter.

Wie die Geschichte ausgeht erfahren wir aber erst, wenn Minhal Baig die Langfilmversion von "Hala" fertig gedreht hat, an dem sie und ihr Team gerade in Chicago arbeiten. Mit dem Kurzfilm hat die Regisseurin erfolgreich Geld sammeln können. Wir können uns darauf freuen, denn schon in denn vierzehn Minuten zeigt Baig außergewöhnliches Gespür für atmosphärische Szenen, minimales aber umso wirksameres Schauspiel völlig ohne Worte und subtiles Storytelling. Wie gut die Regisseurin die Situation von Hala vermitteln kann, liegt mit Sicherheit auch daran, dass Baig selbst Tochter von pakistanischen Eltern ist und den Spagat zwischen den eigenen Bedürfnissen und der Tradition ihrer Eltern gut kennt.

Stapel voller Stereotypen

Tinder und Co haben unser Datingverhalten revolutioniert - keine Frage. Wo man früher allen Mut zusammen nehmen musste, um jemanden anzusprechen, ist man heute mit ein paar Wischbewegungen und Chatnachrichten beim nächsten Date. Aber gilt das für jeden? In der Kurzdoku „Swipe my race“ kommen Tinder und Co nicht ganz so gut weg. In mehreren Collagen zitieren diverse Londoner Nachrichten, die sie über Tinder und Co bekommen haben: "Are you one of that brown girls that looks innocent but under the covers is quite naughty?" oder "Oh, You’re pakistani?! Will you have to marry your cousin?". Lustig aber dann auch wieder gar nicht: "Does that beard mean you’re religious? I get that a lot. And I said no, I’m trendy." Hier stapeln sich die Stereotypen von schwarze Frauen, die ja so wild im Bett seien und dem religiösen Bart, der eigentlich nur Trend ist. Da bleibt einem das Lachen im Hals stecken, weil ganz offenbar richtig viele Leute - zumindest in London die Erfahrung machen, dass auf Tinder viele rassistische Nachrichten ausgetauscht werden.

Fremdscham ohne moralischen Zeigefinger

Geschickt hält "Swipe my race" unserer rassistischen Gesellschaft den Spiegel vor und die Macherin Irene Baqué geht sogar noch viel tiefer: Einer ihrer Protagonisten Kazim Rashid ist aus Jordanien und ist irritiert, wie manche Frauen, die er datet total viel über seine Kultur wissen und versuchen alles besonders richtig zu machen. "I guess the challenge is no one really knows how to navigate it. Everybody is trying to do the right thing. Sometimes it just sounds like the worst thing you can say." Alle versuchen es richtig zu machen - und dabei sind die Fragen und Anmachsprüche dann leider das Schlimmste, was Du sagen konntest. "Swipe my race" versucht aber nicht mit dem moralischen Zeigerfinger die Schuldigen auszumachen. Vielmehr vermittelt die Kurzdoku vom Guardian, wie beschissen es sich anfühlt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Das weckt ganz viel Fremdscham und vielleicht auch sich erwischt zu fühlen - transportiert mit ganz viel Leichtigkeit, coolen Bildern und guter Musik.

Stand: 14.11.2017, 11:00