Persönlicher Blick auf Deniz Yücel

Menschen halten Plakate mıt der Losung 'Free Deniz" in die Luft.

Sehenswertes aus Netz und TV

Persönlicher Blick auf Deniz Yücel

Von Emily Thomey

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel hat unfreiwillig enorme Bekanntheit gewonnen. Eine Reportage bringt uns jetzt den Menschen hinter #FreeDeniz näher | Die Serie "I love Dick" zeigt: Feminismus kann auch selbstironische, unterhaltsame Popkultur sein | Sehenswertes aus Netz und TV.

Deniz persönlich

93 Tage so lange sitzt der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel jetzt schon in der Türkei in Einzelhaft. Ohne Anklage und ohne Aussicht auf baldige Entlassung. Es gibt viele Unterstützer, die im Netz unter dem Hashtag #FreeDeniz und auf den Straßen mit Konzerten und Autokorsos für seine Freilassung kämpfen.

Jetzt ist eine arte-Reportage zu dem Fall online zu sehen. "Re:#FreeDeniz" trifft vor allem die Menschen, die Deniz Yücel sehr nahe stehen: Seine Schwester Ilkay Deniz, seine Eltern oder seine engste Kollegin Doris Akrap, mit der er bei der Tageszeitung taz zusammengearbeitet hat. Dadurch bekommen wir einen sehr persönlichen Blick auf Yücel als Mensch. Beispielsweise hören wir von der Hochzeit mit seiner Lebensgefährtin, die im Gefängnis stattfand. Safak Pavey war als Trauzeugin dabei: "Deniz mit seinen genialen Ideen. Er bat um ein Bund Petersilie und Pfefferminz aus der Kantine, um ihm seiner Freundin zu übergeben. Doch auch das wurde abgelehnt. Als wir am nächsten Tag am Traualtar saßen, gab es kein Grün, nicht mal ein paar Blätter Pfefferminz. Aber das Verbot war der Dauerwitz an diesem Tag." Auch wenn ihm die Situation an sich zusetzt, hat Deniz Yücel seinen Humor und seine Selbstironie offenbar behalten und soll sogar fit und gesund aussehen, weil er weniger rauchen würde und viel Sport mache.

Pro und Contra

Passend zum Titel sehen natürlich vor allem Menschen, die für die Freilassung von Yücel kämpfen - in Deutschland und auch in der Türkei. Aber auch ein Gegner von Yücel kommt zu Wort. Yunus Paksoy, Reporter bei Daily Sabah, findet die Inhaftierung von Yücel richtig: "Seine Angriffe auf die Türkei und auch Erdogan gehen weit über eine normale Kritik hinaus." Einer der vermuteten Gründe für die Inhaftierung ist ein Interview mit einem PKK-Führer, das Yücel geführt hat. Solange es keine offizielle Anklage gibt, können wir über die Gründe seiner Inhaftierung nur spekulieren.

Wer einen detaillierten Blick auf den Fall sucht, der wird in dieser Reportage nicht fündig, aber "Re:#FreeDeniz" gibt einen guten Überblick. Besonders und empfehlenswert ist der persönliche Blick: Wir bekommen einen guten Eindruck von Yücels Umfeld, erfahren wie er zu seiner Arbeit steht, was ihn motiviert und wie es den Menschen in seiner unmittelbaren Nähe ergeht.

Heiße Liebesbriefe

Die Serie "I Love Dick" handelt von der frustrierten New Yorker Filmemacherin Chris Kraus, die in dem Dorf Marfa in der texanischen Ödnis landet. Ihr Mann beginnt dort ein Stipendium unter dem gefeierten Künstler namens Dick. Statt ihren Mann nur abzusetzen und weiterzureisen, verknallt sich Chris Kraus in jenen Künstler Dick, der als lonesome Cowboy durch die Serie reitet und sie beginnt, ihm heiße Liebesbriefe zu schreiben. Interessanterweise bittet ihr Mann Silvère sie eines Nachts die Liebesbriefe vorzulesen und die Sexfantasien aus den Briefen befeuern dann das bisher ziemlich eingeschlafene Sexleben zwischen Chris und ihrem Mann.

Die Briefe, von denen Chris noch viele schreibt, bleiben keine geheimen Sexfantasien zwischen den beiden, sondern werden öffentlich und, ohne zu viel zu verraten, erfährt auch Dick von ihnen. Statt aber geschmeichelt zu sein, fühlt sich Dick als Sexobjekt benutzt: "She stole my name, she has violated my privacy, she is writing pornography and is using me as the object." Dabei sind die Briefe künstlerisch und literarisch ein Hit - und Silvère wirft fast wie nebenbei ein, dass Chris letztlich das mit Dick macht, was unzählige Männer seit Jahrhunderten mit Frauen machen: Sie als Quelle ihrer Kreativität zu nutzen. Dick findet es überhaupt nicht cool, die Muse von Chris zu sein.

Fazit

Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch "I Love Dick" - das ist ein Klassiker popfeministischer Literatur -, und wer sich dafür interessiert, für den ist die Serie ein Must-See. Die preisgekrönte Macherin der Serie, Jill Soloway, schafft es aber auch, mit ihrem rein weiblichen Autorenteam frischen Wind in die Klischeebilder von Männern und Frauen zu pusten, was natürlich für uns alle interessant ist. Außerdem ist die Serie noch selbstironisch, bietet viele unerwartete Wendungen und auch visuell probiert Jill Soloway alles möglich aus, so dass jede einzelne Folge in sich rasant und unterhaltsam ist.

Stand: 16.05.2017, 14:00