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Der Holocaust als Computerspiel?

Gamesdesigner Yaar sitzt mit seiner Oma Rina auf einem Sofa

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Der Holocaust als Computerspiel?

Von Emily Thomey

Heute wird der Deutsche Dokumentarfilmpreis verliehen. Große Filme sind da im Rennen und kleinere, die ihr jetzt alle online sehen könnt: "Das neue Evangelium", "Ich bin Greta" oder "Endlich Tacheles", eine Doku über den Holocaust als Computerspiel.

"Das neue Evangelium" und "Ich bin Greta" sind schon länger in den Mediatheken und unbedingt sehenswert. Aber auch "Endlich Tacheles" lohnt sich und ist jetzt durch die Preisverleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises kurze Zeit online zu sehen. Don't miss! "Endlich Tacheles" handelt von einem Gamedesigner-Team, das den Holocaust in ein Computerspiel einbauen will. Das klingt fast unmöglich in einem Satz zu sprechen: Holocaust und Spiel.

Das Gamedesign-Team Yaar, Sarah und Marcel wollen die Geschichte des Spiels an der Kindheit von Yaars Großmutter Rina entlang erzählen. Sie ist 1933 geboren und musste sich als Kind zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Roman vor den Nazis verstecken. In Marcels Familie wiederum gab es einen SS-Offizier, der eine Art Gegenspieler werden soll. Die Motivation für Yaar ist, dass er den "schwarzen Umhang" seiner Vergangenheit los werden will, wie er sagt: "Das Spielt dreht sich sozusagen darum, die Rollen zu vertauschen und sozusagen, den Juden in diesem Sinne eine Waffe zu geben, sich zu wehren, weil wer will sich mit einem Opferverein identifizieren."

Anders als im Film kann man aktiv werden und muss nicht passiv dem Schrecken zu schauen, so seine Idee. Was wäre wenn die Oma ihr Schicksal anders in die Hand genommen hätte und was wäre, wenn sie auf SS-Offiziere getroffen wäre, die gute Entscheidungen getroffen hätten? Eine gar nicht so leichte Entscheidungen.

Die Mutter von Yaar ist skeptisch, diskutiert auch mit ihm, aber ist insgesamt offen. Es ist aber auch nicht ihre Familiengeschichte, sondern die von Yaars Vater und dessen Mutter. Die Mutter, also Oma von Yaar, positioniert sich im Film nicht - Yaar besucht sie, sie zeigt ihm Bilder und erzählt auch. Aber sein Vater sagt ihm ganz klar ins Gesicht: "Ich werde es nie erlauben, dass jemand daraus ein Spiel macht. Wo man auch sogar die Ereignisse und die Konsequenzen also die Ergebnisse irgendwie manipulieren kann. Hör mal, was mit Roman passiert ist, wird bleiben, wie es uns bekannt ist." Roman ist der jüngere Bruder von Yaars Großmutter und um dessen Schicksal geht es letztlich.

Trotz dieser Ansage von Yaars Vater geht das Gamedesigner-Team in die Entwicklung und Recherche - der Vater begleitet die drei bis nach Krakau und ins KZ Plaszow. Was sie da entdecken ist dann sogar für den Vater erkenntnisreich. Im Endeffekt ist für den Film nicht mehr so wichtig, ob das Spiel nun entsteht oder nicht. Ja, es ist spannend zu sehen, wie sie mit der Frage umgehen, ob es in dem Spiel auch gute Nazis geben kann. Aber wichtiger ist zu sehen, wie die Familie und vor allem Yaar und sein Vater sich ihrer Vergangenheit oder besser gesagt der Vergangenheit ihrer Familie stellen, herausfinden, was diese Vergangenheit auch heute 80 Jahre später noch mit ihnen zu tun hat. Das haben die Filmemacherinnen Jana Matthes und Andrea Schramm sehr gut eingefangen.

Stand: 18.06.2021, 06:30