Doppelhaushälfte

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Doppelhaushälfte"- Comedy im Spießerland

Stand: 11.03.2022, 09:00 Uhr

Ein Häuschen im Grünen. Außerhalb der Großstadt. Ein Traum. Und für viele auch der Inbegriff der Spießigkeit. Schön glatt rasierter Rasen. Sauber geschnittene Hecken. Und dann diese Nachbarschaft. Immer machen sie den Grill an und stänkern die Luft voll. Immer wachsen die Büsche und Bäume auf in den eigenen Garten hinein. Immer sind sie genau dann laut, wenn du selbst gerade schlafen willst. Noch schlimmer wird es, wenn du in einer Doppelhaushälfte wohnst: Die Wände zu dünn und irgendwie fühlst du dich doch beobachtet. Klingt alles grauenhaft? Dann ist es das beste Material für gute Comedy. Die Serie "Doppelhaushälfte" ist jetzt gerade auf ZDFneo zu sehen und richtig gut.

Von Emily Thomey

Schon ein bisschen länger wohnen im Speckgürtel von Berlin Andi und Tracey mit ihrem Sohn Rocco. Sie hat einen Beautysalon, er ist Ex-Polizist, bisschen kerniger und nicht immer politisch korrekt - wie im Plausch über die Fahnendeko zur WM. Da lobt Andi die vielen bunten Fahnen bei Theo und Mari im Garten, ohne zu wissen, dass es die afrikanischen Flaggen sind und auch nur eine Auswahl davon.

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Andi setzt dann aber noch einen drauf: "Ja, die Afrikaner, die hab ich immer gemocht bei der WM. Blitzschnell und gewitzt sind die. Na ja, Hauptsache ihr wollt eure Spieler nicht wieder haben. Dann haben wir nämlich nur noch die Hälfte." Da lacht der neu zugezogene Theo aus Höflichkeit mit - er ist Schwarz, daher die plump-rassistische Assoziation von Andi.

Theo ist der harmoniesüchtige Schlichter, auch seiner Partnerin Mari gegenüber, die gerne mal überreagiert, wenn sie beispielsweise bei einer harmlosen Rauferei zwischen Andi und seinem Sohn Rocco direkt Kindesmisshandlung vermutet und die Polizei ruft. Die Witze des Kammerspiels treffen alle wunden Punkte bekannter Mikroagressionen mit voller Absicht und durch die Rollenverteilung der Figuren gehen sie fast alle richtig gut auf.

Mari und Theo sind die gebildeten, aufgeklärten Berliner, die aber die viel größeren Spießer sind und genauso mit ihren Vorurteilen für peinlichste Momente sorgen wie Andi und Tracey. Milan Peschel ist großartig als trotteliger aber dann doch gutherziger Andi. Mari wird treffend bissig verkörpert von Maryam Zaree, die natürlich im Endeffekt auch nur will, dass sich alle gut verstehen - aber bitte gleichberechtigt.

Absolutes Highlight ist Tracey, gespielt von Minh-Khai Phan-Thi, mit ihrem Brandenburger Slang und einer lass-mich-in-Ruhe-Haltung, die für ihre Kundinnen auch mal mimt, sie könne gar nicht so gut Deutsch, um dann entspannt weiter auf vietnamesisch ihre Witze machen zu können.

Der Humor auch mal albern und platt, aber viel wichtiger ist, dass der Plot sich nicht zieht oder alles auserzählt und erklärt wird, was hier nicht passiert. So konnte ich oft und gerne über "Doppelhaushälfte" lachen - und vermutlich auch über vergangene, eigene Fehltritte.