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"Die Narbe" – Dokureihe mit Anja Reschke

Unglück von Rammstein

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Die Narbe" – Dokureihe mit Anja Reschke

Von Nele Posthausen

Schon wieder ein neuer Podcast. Und nicht nur Podcast, sondern Podcast und Video-Dokumentation in einem - das ist "Die Narbe". Ein Experiment des NDR.

"Das wäre ja ein Wunder, wenn da wirklich nur drei verbrannt sind", sagt der Funker ernüchtert, während er auf die 80 ineinandergeschobenen Autos schaut. Die Massenkarambolage auf der Autobahn bei Rostock ist das Thema der ersten Folge von "Die Narbe". Wir hören den originalen Funkspruch von 2011. Tatsächlich sind bei dem Unfall acht Menschen gestorben, 130 wurden verletzt. Damit nimmt uns die Journalistin Anja Reschke mit in die jüngere deutsche Geschichte und ihre Unglücke.

Wer hat Schuld?

Die Doku-Reine "Die Narbe" erzählt aber nicht nur den Unfall nach, sie stellt auch die Frage: Wer hatte damals Schuld? Als ein Sandsturm über die Autobahn gefegt ist, war es den Auffahrenden kaum möglich, das Stauende zu sehen. Hätten sie trotzdem bremsen müssen? In der Ahnung, dass das nicht gut geht? Ralf Schröder am Amtsgericht Rostock hat versucht, diese Fragen zu klären und sagt energisch: "Wenn ich mir vorstelle, ich hätte dort meine Eltern verloren, dann will ich wissen warum und dann will ich auch sicher wissen, wer dafür verantwortlich ist".

Gesellschaftspolitisches Oberthema

Jede der Folgen hat einen solchen beinahe philosophischen Rahmen. Nach der eher klassischen Dokumentation, die eine halbe Stunde lang ist, werden die übergeordneten Fragen mit Expertinnen diskutiert. Das, und dass genau die gleiche Sendung auch als Audio-Podcast funktioniert, macht die Reihe ungewöhnlich. Ein Pluspunkt.

Dramatik, wo alte Wunden heilen

Negativ fällt auf, dass die Reihe von viel Dramatik um Vergangenes lebt. Das beginnt schon bei der Themenvorstellung durch Anja Reschke: "Rammstein ist die größte Flugzeugkatastrophe auf Deutschem Boden. Wie sehr sie bis heute Überlebende, Angehörige und auch Helfer quält, zeigen wir ihnen in einer Dokumentation." Ist das ein passender Ansatz für eine Dokumentation, weil wir Spannung und Dramatik brauchen, um Informationen zu verarbeiten? Oder wäre es geschmackvoller, neutraler zu erzählen?

Positiv bleibt am Ende, dass die Reihe mehr Verständnis schafft. Verständnis dafür, dass das, was für die einen nur eine Schlagzeile ist, für andere ganze Leben verändern kann.

Stand: 14.10.2020, 06:00