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"Das Wikipedia Versprechen" - Wissen für alle?

arte-Doku: "Das Wikipedia Versprechen"

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"Das Wikipedia Versprechen" - Wissen für alle?

Von Emily Thomey

Mit Sicherheit habt ihr diese Webseite schon mindestens einmal in eurem Leben besucht - vielleicht klickt ihr sogar täglich darauf. Sie wird auch der "Big Mac der Information" genannt oder die größte Enzyklopädie der Welt: Die Rede ist von Wikipedia.

Das Online-Nachschlagewerk gibt es nun schon knapp 20 Jahre und wird weiterhin von den Nutzer*innen selbst mit Artikeln gefüllt. Das Versprechen: "Für mich ist Wikipedia ein beispielloser Beitrag zur Menschlichkeit. Sie ist die größte globale Zusammenarbeit. Sie vereint Menschen mit einem gemeinsamen Ziel: Mehr Wissen schaffen und es dann kostenlos teilen", sagt Katherine Maher, die Geschäftsführerin der Wikimedia Stiftung, die für die Infrastruktur von Wikipedia sorgt, sich inhaltlich aber nicht einmischt. Wie steht es um das Versprechen, Wissen zu demokratisieren und frei zur Verfügung zu stellen? Das zeigt die Dokumentation "Das Versprechen Wikipedia" jetzt bei arte.

Wikipedia wurde schon oft dafür kritisiert, dass die Autoren vor allem weiß und männlich sind. Auch heute dominiert die männliche Perspektive auf Wikipedia. Und nicht nur das: Wenn man sich eine Weltkarte anschaut, auf der all die Stellen leuchten, wo viel geschrieben wird, dann sehen wir fast nur die westliche Hemisphäre, kritisiert Yvonne González Núñez, eine kubanisch-schweizerische Wikipedianerin: "Es ist ein Teufelskreis. Dass die überwiegende Mehrheit von weißen Männern handelt, liegt daran, dass sie über sich selbst schreiben. Dass wir all diesen Platz der Präsenz, der Sichtbarkeit des weißen Mannes, dem europäischen Wissen, den eurozentrischen Theorien überlassen. Ist das etwa nicht politisch?"

arte-Doku: "Das Wikipedia Versprechen"

Yvonne González Núñez betont das Politische, weil ein Prinzip von Wikipedia eigentlich ist, vermeintlich neutrales Wissen abzubilden. Es gibt also auch innerhalb der Autorenschaft viel Streit und Diskussion darüber, was relevant und wahrheitsgetreu ist und wie das Ungleichgewicht verändert werden kann. Eine Lösungsstrategie war ein Bot, der Artikel in seltenen Sprachen geschrieben hat. Dieser Bot wurde aber letztlich eingestellt, weil die Artikel weder von den kontrollierenden Autor*innen als wartbar noch als hilfreich angesehen wurden.

Auch über eine Klarnamenpflicht wird immer wieder diskutiert, sagt Emna Mizouni aus Tunesien: "Ich selbst habe in einer Diktatur und unter massiver Überwachung gelebt und denke daher, lasst die Leute anonym schreiben." Viele, die sich an dem Ungleichgewicht stören, werden daher oft selbst zu Wikipedia-Autor*innen, um ihr Wissen und das ihrer Kulturen sichtbar zu machen. Was nicht so einfach ist, weil es beispielsweise in Südafrika erst seit 1994 Schwarze Geschichtswissenschaftler gibt.

Natürlich gibt es Relevanzkriterien, was in einem Wikipedia-Artikel auftauchen kann: Das Thema muss entweder in einer klassischen Enzyklopädie oder in zwei Artikeln der nationalen oder internationalen Presse auftauchen. Leider fällt durch dieses Schema alles, was nicht aufgeschrieben wurde, sagt Yvonne González Núñez: "Wenn wir über mündliche Überlieferung sprechen, denken wir immer an Afrika. Aber nein, es gibt diese Kultur bei den Ureinwohner*innen Amerikas, in Asien. Wir haben sie hier verloren, aber wir hatten sie auch hier, in Europa." Wer sein Wissen bei Wikipedia holt, muss sich also bewußt sein, dass das nur ein kleiner Ausschnitt des weltweiten Wissens ist.

Stand: 08.01.2021, 08:00