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"Coming Out" – Coming Out vor laufender Kamera

Coming Out

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Coming Out" – Coming Out vor laufender Kamera

Von Emily Thomey

Warum müssen homosexuelle Menschen sich outen? Die Frage beantwortet die Dokumentation "Coming Out" nicht, aber sie zeigt, wie schwer, manchmal erschütternd und berührend es ist, von seiner Homosexualität zu erzählen.

Vermutlich habt ihr selten jemanden gehört, der gesagt hat: "Ich bin übrigens heterosexuell." Wer erzählt schon groß, dass er als Mann auf Frauen oder als Frau auf Männer steht. Liebt man aber Menschen des gleichen Geschlechts, ist es ein großes Thema. Wie solche Coming Outs ablaufen - real und mitgefilmt - zeigt die arte-Dokumentation "Coming Out" jetzt online.

Wir sehen darin eine Collage aus Videos von jungen Leuten, die zwischen 2012 und 2018 im Internet veröffentlicht wurden. Es sind meistens noch Teenager, die ihren Müttern, Vätern, Geschwistern oder Großeltern sagen, dass sie homosexuell sind. Campbell setzt da beispielsweise seine Mutter und seinen kleineren Bruder vor eine Kamera im Wohnzimmer und legt dann los: "I am gay". Die Pause, bis seine Mutter etwas sagt, ist kurz unangenehm, aber dann zeigt die Mutter sehr deutlich, dass sie gar kein Problem damit hat, dass ihr Sohn schwul ist. Sie ist nur ein bisschen enttäuscht, dass er so lange nichts gesagt hat.

Coming Out

In vielen der Gespräche, die manchmal auch am Telefon stattfinden, weinen diejenigen, die sich da outen. Erzählen, wann sie es zuerst gewusst haben und oft genug auch, wie sehr sie schon darunter gelitten haben, sich nicht "normal" gefühlt zu haben. Die Reaktionen fallen in den ausgewählten Clips mehrheitlich positiv aus - manche Eltern stellen auch erstmal Fragen, ohne groß zu bewerten. Andere geben zu, dass sie es eh schon wussten. Aber ein paar Eltern halten die sexuelle Orientierung ihrer Kinder für eine Entscheidung und formulieren das auch so.

In Fall von Daniel, der in den USA lebt, kommt es sogar zu einer harschen Auseinandersetzung. Er wird beschimpft und aus dem Haus geworfen, was erschütternd ist. Aber es ist auch beeindruckend zu hören, wie er für sich selbst einsteht. Bis zum Schluss des Videos stellt Daniel immer wieder klar, dass es hier nicht um seine Entscheidung geht - weder im Bezug auf sein Schwulsein, noch im Bezug auf seinen bevorstehenden Auszug. Andere berichten rückblickend von ihren Coming Outs, ihrem Weg bis dahin und wer ihnen dabei geholfen hat. Darunter sind richtig starke Statements und krasse Geschichten aus den USA, Japan, Deutschland oder Frankreich.

Abgesehen von den Namens- und Herkunftsangaben wird kein weiterer Kontext geliefert. Wir erfahren auch nicht, wie es nach den Coming Outs weiterging. Außer bei Cole, der sich als trans Mann seiner Mutter gegenüber outet, von dem wir im Anschluss an das Video Fotos eingeblendet sehen - vor und nach seiner Transition. Auch die Motivation, die Videos online zu teilen, wird nicht weiter geklärt. Aber das ist auch gar nicht nötig: Die Videos stehen so wie sie sind für sich und sind unglaublich intensiv und berührend, dass ich mehrfach mitgeweint habe.

Stand: 25.06.2021, 11:03