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"Closing Time" - Taipeh bei Nacht

Closing Time - Szenes aus einem Essenlokal in Taipeh

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Closing Time" - Taipeh bei Nacht

Von Emily Thomey

Taiwans Metropole Taipeh funktioniert im 24/7-Ryhtmus. Die Dokumentation "Closing Time" schaut auf die, die Nachts arbeiten, um die Schlaflosen der Stadt zu bedienen.

Eine der größten Stärken von Filmen, Serien und Dokus ist es, dass sie uns entführen - in andere Welten. Für eine kurze Zeit steht das eigene Leben still, wir können dem Alltag entfliehen, einfach mal abschalten. Im Falle von Serien auch mal für mehrere Stunden. Manche Geschichten fordern uns auch und im besten Falle, geht es uns nachher besser als vorher, wir hatten Spaß und/oder wir sind schlauer geworden. Der preisgekrönte Film "Closing Time2 ist so einer, fällt aber aus dem Rahmen: Er ist weder eine klassische Doku mit viel Input, noch ein Spielfilm oder eine Serie. Aber was ist "Closing Time" dann?

24/7 Metropole Taipeh

Am ehesten ist "Closing Time" eine Dokumentation. Der Film nimmt uns mit auf die Zhongzheng Road in Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan. Hier ist unglaublich viel los - 24 Stunden fährt der Verkehr an kleinen Läden vorbei und die Filmemacherin Nicole Vögele filmt in verschiedenen kleinen Läden bei Nacht. Da wird Kampfsport geübt, Karaoke gesungen, Reisbrei gekocht und gegessen, tätowiert oder sich einfach unterhalten. Aber Vögele führt keine Interviews, sondern beobachtet.

Da lässt eine Frau ihre Vespa reparieren und lacht darüber, dass sie den Mechaniker schon mal erwischt hat, wie er seinen Hund auf die Brücke nebenan hat pinkeln lassen. Er würde aber immer mit Wasser nachspülen und den Kot mit Tütchen mitnehmen - wie in Deutschland freut sich die Frau. Solche alltäglichen Unterhaltungen sind aber die Ausnahme, die meiste Zeit wird nicht geredet.

Closing Time - Hund auf dem Bürgersteig

Als Beobachter durch die Nacht

Zu langweilig? Nicht, wenn man sich darauf einlässt. Es dauert auch einen Moment, bis man aufhört, ständig auf ein Interview zu warten, auf eine Stimme aus dem Off, die etwas erklärt oder nach einer Handlung zu suchen. Aber dann kann man viel darin entdecken: Es gibt Menschen, die immer wieder auftauchen - ein Tätowierer, Taxifahrer, der Typ mit dem Hund, den wir gerade gehört haben oder ein Pärchen, das einen Imbiss betreibt.

Und man kann seine eigenen Gedanken beobachten: Was denke ich, wie es den Menschen geht oder worüber sie gerade nachdenken? Wie beurteile ich die Situation? Und liege ich mit dem Urteil überhaupt richtig? Eigentlich ist der Film wie ein lange Meditation zum Großstadtleben bei Nacht, was natürlich - auch in einer nie ruhenden Metropole eine besondere Zeit ist, poetisch und melancholisch.

Filmische Meditation

Der Film dauert zwei Stunden und ist für eine Meditation entsprechen lang. Der ein oder die andere werden den Film wieder ausmachen, weil er ihnen einfach zu entschleunigt ist, zu wenig erklärt, zu viel Konzentration erfordert. Aber, wer sich darauf einlässt, der kann die Welt und sich selbst aus neuen Perspektiven sehen - aus der eines Imbissverkäufers in Taipeh, aus der eines Ventilators - kein Witz - und wird am Ende auch mit einem Ausflug ans Meer belohnt.

Stand: 18.09.2020, 06:00