Kasper (Pilou Asbæk) hat schlechte Neuigkeiten: Die Presse macht Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) für den Schlaganfall ihres alten Parteifreundes Bent Sejrø verantwortlich.

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Abgesang auf den Karriere-Feminismus

Stand: 10.06.2022, 10:53 Uhr

Die vierte Staffel von "Borgen" stellt kritische Fragen über Frauen an der Macht.

Von Emily Thomey

Birgitte Nyborg ist die bekannteste Politikerin des 21. Jahrhunderts. Sie ist die Hauptfigur der TV-Serie "Borgen", in der sie ab 2010 drei Staffeln lang ihren Weg durch die dänische Spitzenpolitik geht und dabei immer Kompromisse machen muss zwischen der Politik und ihrem Privatleben. Nach neun Jahren gibt es nun eine vierte Staffel. Und wieder muss sich Nyborg entscheiden: Aber diesmal geht es nicht um die Frage, ob sie als Frau Beruf und Familie zusammenbringen kann.

Denn mittlerweile ist Nyborg geschieden und solo, ihre Kinder sind erwachsen und ausgezogen. Als Außenministerin ist sie ein "Politjunkie", wie sie selbst sagt. Da bekommt sie die Nachricht, dass auf Grönland Öl gefunden, in einer Größenordnung, die dem norwegischen Ölfeld Ecofisk ähnelt: eine Millionen Barrel. Auf dem Weltmarkt lässt sich damit ein Preis von rund 2.000 Milliarden dänischer Kronen erzielen. Und nun steht Nyborg vor einer neuerlichen Entscheidung. Verteidigt sie die Klimaziele ihrer Partei, der linksliberalen "Neuen Demokraten"? Oder unterstützt sie die Linie ihrer Koalitionspartnerin, den Sozialdemokraten, mit deren Parteivorsitzender Signe Kragh sie sich einen Popularitätswettbewerb liefert. Und dann sind da ja auch noch die Erwartungen ihres Sohns Magnus, einem Umweltaktivisten.

Nyborgs größte Herausforderung sind jedoch die 56.000 Grönländer:innen, die in dem Ölfund die Chance sehen, sich von dänischen Verwaltungsherrschaft zu lösen, die seit der Kolonisierung im 19. Jahrhundert besteht. "Wir sind keine Teenager, die um Erlaubnis bitten, auszuziehen", sagt der grönländische Politiker Hans Eliassen zu Nyborg. "Ihr müsst uns vertrauen, dass wir auf uns aufpassen können." Und Nyborg entgegnet ihm: "Aber das könnt ihr nicht. Was würde passieren, wenn wir morgen das Land verlassen?" Und dann zählt sie auf, wer alles Interesse an dem Öl hat: China und Russland sind an der Ölförderung beteiligt, der dänische Verbündete USA möchte deren Einfluss so gering wie möglich halten.

Es ist das klassische Argument einer kolonialen Schutzmacht: Wir meinen es nur gut mit euch. Immer wieder werden in der Serie die Vorurteile der Dänen thematisiert, während die grönländischen Figuren verdeutlichen, welche Folgen die dänische Herrschaft hatte: Depression, Suizid und Suchtkrankheiten etwa. Dieser  grönländische Perspektive ist ein enormer Gewinn für "Borgen", das ansonsten immer nur die Kopenhagener Politbubble gezeigt hat.

Aber auch in dieser Staffel liegt der Fokus erneut auf den Frauenfiguren. Gerade Nyborg und ihre Koalitionspartnerin und Konkurrentin Kragh verdeutlichen dies. Beide sind kalkulierende, trickreiche und professionelle Machtpolitikerin. Aber für Nyborg hat diese selbstgewählte Rolle nur negative Konsequenzen. Ihre Partei und die eigene Familie revoltieren gegen ihren Pro-Öl-Kurs, während sie sich verteidigt, dass es wichtig sei, an der Macht zu bleiben. Die vierte Staffel von Borgen wirkt damit wie ein Abgesang auf den Karrierefeminismus, den sie drei Staffeln lang vertreten hat. 2010 war es wichtig, dass Frauen an die Macht kommen. 2022 ist es wichtig, dass sie ihre Macht dann auch für eine bessere Politik einsetzen.