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"Berlin Bouncer" - Türsteher in der Wendezeit

"Berlin Bouncer" - schwarz-weiß Foto zweier Türsteher, Screenshot aus Film

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Berlin Bouncer" - Türsteher in der Wendezeit

Von Emily Thomey

Die Tür in Berliner Clubs ist legendär. Die Doku "Berlin Bouncer" trifft drei der härtesten Türsteher und zeigt wie Berlin um die Wendezeit gefeiert hat als Free-TV-Premiere.

Ewig lange in der Schlange stehen und dann doch abgewiesen werden. Das passiert in Berlin oft - normalerweise. Das Berghain oder der Kater sind berühmt dafür wie "hart" die Tür ist. Aber was heißt das eigentlich: Eine harte Tür? Was macht die Arbeit eines Türstehers, einer Türsteherin aus - vor allem in einer Stadt wie Berlin, die so groß, international und vielleicht auch unberechenbar ist? Die Dokumentation "Berlin Bouncer2 porträtiert drei Berliner Türsteher-Größen als Free-TV-Premiere bei arte.

Eine harte Tür

Dass der bekanntester Berghain-Türsteher Sven Marquardt dabei ist, war ja klar. Der Regisseur David Dietl trifft mit seinem Team außerdem noch Frank Künster, der seit über zwanzig Jahren Türsteher in Berlin ist, unter anderem beim King Size und Smiley Baldwin. Baldwin war beim Cookies Türsteher, hat mittlerweile seine eigene Sicherheitsfirma und beantwortet die Kernfrage für die Clubtür - wie komm ich rein? - am genauesten.

Jeden Abend ein neues Bild

Alle Menschen, die am Abend in den Club kommen, beschreibt Baldwin mit einem Gemälde: "Man malt jeden Abend ein Bild, und ich bin für dieses Bild zuständig. Allgemein, wenn ich an der Tür bin, den Mensch, wo mein Bauch mir sagt, da könnte was sein, sag ich einfach'‚Nein'." Baldwin versucht aber auch sich mit jedem Menschen an der Tür zumindest kurz zu unterhalten und seine Philosophie ist - anders als bei vielen anderen Türstehern und Türsteherinnen - freundlich zu sein, warum er vermutlich auch "Smiley" genannt wird.

Macht und Verantwortung

Das Wichtigste an der Tür ist der Umgang mit der Macht und der Verantwortung, Menschen in den Club zu lassen oder eben auch nicht. Macht kann immer auch Machtmissbrauch mit sich bringen. Dietl hat auf jeden Fall mit allen drei Türstehern über diese Fragen, wie sie ihre Türpraktiken gestalten gesprochen. Dazu gehört natürlich auch der Schutz der Menschen, die in den Club gehen wollen und dort nach einem sicheren Raum suchen, in dem sie Seiten von sich ausleben, die auf der Straße diskriminiert werden - sei es durch rassistisches, sexistisches oder homofeindliches Verhalten.

Berlin zur Wendezeit

Antworten hat er aber nicht so viele bekommen, stattdessen ist die Dokumentation vielmehr ein Porträt der drei Männer und deren Blick auf die Clubszene Berlins, was natürlich spannend ist, weil es da um die Wendezeit geht. Der viele Leerstand hat damals viel Raum für Subkultur und Nachtleben mit sich gebracht. Bebildert hat Dietl das neben Bildern von Marquardt, der ja auch Fotograf ist, noch mit Archiv-Videomaterial und anderen Fotos von Berlin und der Clubwelt.

Ein Muss für Clubfans

Für Clubfans ist der Film ein Muss, für alle, die das Nachtleben gerade vermissen, auch. Alle anderen müssen diese drei Männer kennenlernen wollen, weil Berlin und das Berliner Nachtleben natürlich viel vielfältiger ist als der Blick dieser drei Männer, aber der Film ist verdammt gut gemacht:  Die drei sind zum Teil sehr verschlossene Charaktere und sogar Marquardt zeigt sich in kleinen Situationen erstaunlich offen, auch wenn er manche Fragen kaum beantwortet oder zugibt, dass er in emotionalen Situationen gerne einfach weggeht. Ein Marquardt-Klassiker nennt er das. Aber vor allem Baldwin zeigt sich sogar sehr verletzlich, wenn er von seiner Heimat, den Virgin Islands spricht, zu der er das Kamerateam auch mitnimmt oder von Bedrohungen erzählt, die er als Türsteher schon erlebt hat. Insgesamt ist "Berlin Bouncer" sehr sehenswert.

Stand: 12.05.2021, 12:00