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"Automotive" - Innenansichten aus der deutschen Automobilbranche

Die Lagerarbeiterin Sedanur, Screenshot aus der Doku "Automotive"

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Automotive" - Innenansichten aus der deutschen Automobilbranche

Von Emily Thomey

"Automotive" taucht in eine der wichtigsten Branchen Deutschlands ein. Die Dokumentation begleitet zwei Frauen, eine Lagerarbeiterin, der während der Dreharbeiten gekündigt wird, und eine Headhunterin, die überlegt, nach Curaçao auszuwandern und von dort im Home Office zu arbeiten.

121 Filme aus über 40 Ländern. Dieses umfangreiche Festivalprogramm, bekommen eigentlich nur die Besucher:innen des DOK.fest München zu sehen. Durch Corona können wir nun alle die internationale Filmauswahl sehen – und zwar online. Eine Empfehlung aus dem Programm ist der Film "Automotive". Darin geht es um zwei sehr unterschiedliche Ansichten der Autoindustrie hier in Deutschland. Der Film begleitet zwei Frauen - Eva und Sedanur. Eva ist Headhunterin, Sedanur Lagerarbeiterin. Erstmal haben die beiden nicht viel gemeinsam. Eva macht im Prinzip einen Telefonjob im stillen, stylischen Büro. Von dort ruft sie potenzielle Jobkandidaten an - alles ganz geheim. Bis zur finalen Runde wird also abgeklopft, welches die Bedingungen und Wünsche auf Seiten der suchenden Unternehmen und der Kandidaten sind - ohne das Namen fallen.

Ein Unternehmen, zwei Arbeitswelten

Sedanur arbeitet in den Lagerhallen als Leiharbeiterin und kann sich nicht vorstellen im Büro zu arbeiten: „Ne, ne, ne, ne, ne. Für mich würde es gar nicht in Frage kommen. Für mich wäre das zu langweilig. Ich schwör’s dir.“ Was beide eint, ist dass sie sehr pragmatisch auf den Sinn ihrer Arbeit schauen: Hier geht es nicht um Selbstverwirklichung, sondern darum Geld zu verdienen mit etwas, das beide gerne tun.

Was die beiden aber auch unterscheidet, ist wie unsicher ihre Jobs sind. Das zeigt sich jetzt in der Corona-Zeit. Und auch sonst verändert sich die Autoindustrie – und muss es auch. Der Film ist natürlich vor der Corona-Zeit fertig gestellt worden, aber den Transformationsdruck beispielsweise durch die Digitalisierung, den spürt vor allem Sedanur. Als Leiharbeiterin kann ihr sehr leicht gekündigt werden - das passiert auch im Laufe des Films.

Angst vor Arbeitsplatzverlust?

Sie macht dann in einer Weiterbildung einen Gabelstaplerführerschein, obwohl der Beruf nicht wirklich Zukunftsperspektiven bietet. "Die Roboter in der Audi, die nehmen auch die Jobs weg." sagt einer der Kollegen von Sedanur. Mit der Automatisierung werden immer mehr Jobs von Maschinen übernommen.
In einem neuen Werk in Ungarn, das der Filmemacher besucht, wird nur noch ein Viertel der Arbeit von Menschen übernommen. Die Headhunterin Eva sorgt sich nicht um ihren Job - im Gegenteil, sie überlegt sogar mit ihrer Partnerin ein Grundstück auf Curaçao zu kaufen und von dort zu arbeiten.
Der Film ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen. Wir bekommen mit, wie im Interview aus dem Off Antworten vorgegeben werden oder der Filmemacher darauf hingewiesen wird, bestimmt Fragen nicht stellen zu dürfen.

Innenansicht einer "systemrelevanten" Branche

Ansonsten konzentriert sich "Automotive" tatsächlich stark auf die beiden Frauen. Sie stehen exemplarisch für die qualifizierten, gut bezahlten Jobs, die auch eine Unabhängigkeit mit sich bringen und gleichzeitig nicht so gefährdet sind und die weniger gut bezahlten, unsicheren Arbeitsverhältnisse, die viel stärker von der Digitalisierung betroffen sind. Insgesamt ist "Automotive" eine sehr interessante Innenansicht dieser für Deutschland so wichtigen und damit auch viel diskutierten Branche.

Tickets lassen sich für kleines Geld (4-6 Euro) mit wenigen Klicks kaufen und man kann auch Kinos unterstützen.

Stand: 13.05.2020, 09:00