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Vor Ort in Hanau

Serpil (li.) verlor bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ihren ältesten Sohn. Nun will sie Kinder in Hanauer Schulen gegen Rassismus stark machen.

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Vor Ort in Hanau

Von Emily Thomey

Vor einem Jahr sind in Hanau neun Menschen ermordet worden - aus rassistischen Motiven. Wie geht es den Angehörigen? Wie ist die tragische Nacht für sie abgelaufen und was machen sie heute, um irgendwie damit klar zu kommen? Eine arte-Reportage war vor Ort in Hanau.

In der Reportage treffen wir mehrfach auf Serpil, die Mutter von Ferhat Unvar, der vor einem Jahr gestorben ist. Serpil engagiert sich zusammen mit anderen Angehörigen und Überlebenden in der Initiative "19. Februar Hanau", die in Hanau in der Nähe eines der Tatorte ein Ladenlokal angemietet hat. Sie kommt hier täglich her. "Mindestens eine Person ist immer da. Das fühlt sich gut an. Mit Çetin kann ich gut reden, weil ich weiß, er versteht mich."

Çetin Gültekin hat vor einem Jahr seinen Bruder Gökhan Gültekin verloren. Die Initiative organisiert Demonstrationen, Gedenkveranstaltungen und hat gerade auch detailliert aufgeschlüsselt, was vor und in der Tatnacht alles schief gelaufen ist, wo die Polizei versagt hat und wie auch nach dem Anschlag nicht korrekt mit den Angehörigen umgegangen wurde.

Versagen im großen Stil

Einer der Überlebenden Piter Minnemann beispielsweise wurde von Polizisten unbegleitet zu einer drei Kilometer entfernten Wache geschickt. Zu dem Zeitpunkt war der Täter noch auf der Flucht. Auch die Familie Păun gehört zu den Angehörigen. Ihr Sohn Vili Viorel Păun hat den Täter verfolgt, erfolglos versucht den Notruf zu erreichen und wurde schließlich auch erschossen.

Vilis Vater begreift bis heute nicht, wieso die Polizei ihnen nicht unmittelbar Bescheid gegeben hat und sie erst selbst zur Polizeiwache gehen mussten, um nachzufragen. Auch bei der Obduktion wurde fälschlicherweise der Vater Niculescu für tot erklärt, obwohl Vilis Ausweispapiere sogar im Auto lagen, in dem er erschossen wurde: "Das macht mich kaputt. Du siehst einen Menschen von 45 Jahren und auf dem Tisch hast du einen Jungen. Trotzdem sagst du nichts. Wo ist der Profi?" Das sind aber nur wenige der Anklagepunkte, die die Inititiative "19. Februar Hanau" gesammelt und veröffentlich hat. Sie haben auch Forderungen an die Politik gestellt. Unter anderem fordern sie eine Rechtsterrorismus-Opferfond.

Von vielen alleingelassen

Die Verantwortlichen aus der Politik und von der Polizei kommen nicht vor. Die Reportage konzentriert sich komplett auf die Angehörigen und Überlebenden: speziell Piter Minnemann, Serpil Temiz Unvar und Niculescu Păun. Über mehrere Monate besucht sie das Filmteam immer wieder, so dass auch ein bisschen deutlich wird, wie mühsam die Aufarbeitung für sie ist, wie sehr sie dafür kämpfen müssen, gehört zu werden.

Aber auch wie sie Erfolge feiern können, wenn der Gedenkort für Vili Viorel Păun eingeweiht wird, die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet wurde oder wie sie sich Geschichten erzählen von den Menschen, die sie verloren haben, wie Piter, der hier von Ferhat Unvar erzählt: "Wenn wir jetzt hier stehen würden, würdest du erwarten, dass er von einem von uns dreien die Hose runterziehen würde. Aber nein, er würde wahrscheinlich deine Hose runterziehen. So einer war das. Er war schon unberechenbar. Aber auf coole, lustige Art."

Stand: 19.02.2021, 13:51